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"Mögliche Wechselwirkung zwischen Antibiotika und Diabetes-Tabletten"

Fehler des Monats 11.2007


Veröffentlicht/Dokumente:   Der Hausarzt  ärztemagazin  

Reportnummer:
368
Ab der gleichzeitigen Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten wird die Arzneitherapie hinsichtlich Wechselwirkungen unübersichtlich. Im vorliegenden Fall wird von zahlreichen anderen Kardiaka und Diuretika berichtet, die ebenfalls mit im Spiel waren, neu hinzugekommen waren hier das Antibiotikum Ciprofloxacin und der Infekt.
Was ist passiert?
Patient hatte mittags beim Hausbesuch eine Besserung des antibiotisch anbehandelten Harnwegsinfektes berichtet. Die Behandlung lief seit 2 Tagen mit 2x1 Cipro 250 tgl. und am Folgetag sollte eine Urinkontolle erfolgen. Patient nimmt zahlreiche andere Kardiaka und Diuretika bei Z.n. Herzinsuffizienz und schwerer COPD. Weiterhin 1 Tabl. Glibenclamid 3,5 mg morgens bei diabetes mellitus. Abends 19 Uhr rief die Enkelin an und berichtete von einer Bewußtseinsstörung der Patientin. Sie habe sich noch beim Abendessen wohlgefühlt und sei dann zu Bett gegangen.
Was war das Ergebnis?
Beim sofort erfolgten Hausbesuch traf ich eine kreislaufstabile nicht erweckbare Patientin an mit normaler Atmefrequenz. Die Pupillenreaktion war negativ. Patient reagierte auch auf Schmerzreize nicht. Ein RTW wurde angefordert, eine stationäre Einweisung bei V.a. Schlaganfall veranlasst. Der eintreffende Sanitäter verständigte den Notarzt, eine BZ-Messung ergab einen BZ von 47 mg%. Auf Glucose i.v. wachte die Patientin auf und wurde nicht in die Klinik gebracht. Glibenclamid wurde abgesetzt. Am Folgemorgen trat zuhause eine erneute Hypoglykämie mit BZ 49 mg % auf, die die Familie durch Zuckergabe auffing.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Eine Wechselwirkung mit Antibiotika und Sulfonylharnstoffen ist beschrieben. Allerdings nicht explizit für Ciprofloxacin. Rückwirkend waren bei der Patientin Unwohlsein auf Antibiotika eventuell durch mildere Hypoglykämien verursacht.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
eine unklare Bewusstseinsstörung erfordert immer eine BZ Messung, die nicht erfolgte. Durch die Angaben der Enkelin, dass die Patientin zu Abend gegessen hatte, und die diabetische Therapie aus 3,5 mg morgens bestand lenkte ich meine Aufmerksamkeit nicht auf den Glukosestoffwechsel.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Ausbildung und Training, Patient,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

In der Fachinformation wird darauf hingewiesen, dass in Einzelfällen die Wirkung von Glibenclamid verstärkt und es also zu einer Unterzuckerung kommen kann.
Multimorbide Patienten mit einer Vielzahl von Medikamenten sind mittlerweile in hausärztlichen Praxen oft die größte Patientengruppe überhaupt. Wie kann man - wie im vorliegenden Fall - die Übersicht behalten bzw. wie gehen Sie mit der Frage möglicher Wechselwirkungen um?
Kennen Sie und Ihr Praxisteam immer alle Medikamente, die Ihre Patienten nehmen und wenn ja, wie erreichen Sie das?
Wann ziehen Sie Medikamenten-Interaktionen als Ursachen für Beschwerden und Symptome in Betracht?



Kommentare

Hilfe
06.01.2010
15:16:44
diabetologe
möchte Barbara L. zustimmen: Infekt selbst führte eher zu erhöhtem Bz, der magelnde Appetit aber, wie zumindest in vielen selbst beobachteten Fällen, zur mangelnden KH-Aufnahme und demzufolge zur Unterzuckerung.
Vollkommen richtig auch der Kommentar von Katharina K., daß Sulfonylharnstoffe bei alten Menschen unkritisch eingesetzt werden trotz eingeschränkter Nierenfunktion und fraglichem Eßverhalten, was dann gerne zu protrahierten Unterzuckerungen führt, die hartnäckiger sind als insulinbedingte!
Ein wichtiger Aspekt wurde aber noch gar nicht diskutiert: hätte man der Patientin oder einer betreuenden Angehörigen die Möglichkeit gegeben, nach entsprechender Schulung eine Blutzuckermessung mit einem eigenen Meßgerät im Krankheitsfall durchzuführen, dann wären der Patientin Leid, dem Gesundheitswesen eine Menge Geld und Hausarzt/Notarzt/Klinik ein unnötiger Arbeitseinsatz erspart geblieben! - Nur leider ist bei Typ 2-Diabetikern ohne Insulintherapie eine Selbstmessung politisch (Kassen) nicht gewollt und wird in der Regel nicht erstattet - was zu solchen Situationen immer wieder beitragen wird!
22.10.2007
21:20:18
Frank S.
Gerade Fluochinolone sind durchaus bekannt für die Erzeugung von Hypoglykämien. Wegen dieser NW wurden bereits Präparate dieser Klasse vom Markt genommen. Ich halte daher die Wechselwirkung durch Cipro für durchaus plausibel.
19.10.2007
17:50:23
Katharina K
Ich stimme Frau Barbara L. zu. Auch ich habe gelernt, dass jeder Patient mit einer SH-bedingten Hypoglycämie bis zu 3 Tage stationär beobachtet werden soll. Der Fall zeigt ja auch eindrucksvoll, dass das Risiko tatsächlich hoch ist. Aufmerksame Angehörige haben Schlimmeres verhindern können. Aber auch eine große Verantwortung getragen.
19.10.2007
17:18:11
Goetz M.
Liebe Kollegen,
jede unklare Bewusstseinsstörung erfordert einen Messung des BZ. Wir lernen das in jedem Notfalltraining als Hauptursache einer unkl. Bewusstseinsstörung. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, das immer wieder mal zu vergessen! Ich weiss nicht, wie man das zuverlässig verhindern kann.
Man sollte auch seine eigenen Pat. in unklarer Situation wie einen fremden Pat. im Notdienst ansehen. Vielleicht gehen wir dann fehlerärmer an die Situation und routinierter.
03.10.2007
23:21:37
Barbara L.
Dies aus dem Bauch raus auf Cipro zu schieben, sehe ich wie der Grossstadtarzt auch mit Skepsis, zumal noch erwähnt wird, dass sich die Patientin unter Cipro mehrfach unwohl gefühlt hatte. Könnte dieses Unwohlsein nicht auch in weniger Nahrungs- und damit Kohlenhydrataufnahme aufgrund des Infektes oder aufgrund der NW des Cipro begründet sein?

Abgesehen davon ist die Belassung der Pat. in der Häuslichkeit durch den Notarzt m.E. fahrlässig, da ich noch gelernt habe, dass jede schwerere Hypoglykämie, die durch Sulfonylharnostffe bedingt ist, i die Klinik gehört, da es ausgesprochen häufig zu Rezidiven kommt.
02.10.2007
20:56:23
Grossstadtar-
zt
War das eine Wechselwirkung? War es nicht eine Wirkung des Infektes auf den Zuckerhaushalt? Muss nicht jeder Infekt beim Diabetiker zu häufigem Stixen führen?

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