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"Prinzipienuntreue"

Fehler des Monats 10.2008


Reportnummer:
455
Dieses Ereignis wird aus einer Hausarztpraxis berichtet:
Was ist passiert?
Pat. mit unerkanntem DM auf dessen Drängen Infusion gegeben:
A.: Pat 2 Tage zuvor wie viele andere vertretungsweise mit Erbrechen und Oberbauchbeschwerden gesehen. Jetzt gegen Ende der sehr langen Sprechstunde kommt er in Begleitung, er sei ausgetrocknet und habe seit Tagen nichts gegessen, er habe Kreislaufprobleme. Arzthelferin vermutet Drogenmissbrauch. Auf Befragen HIV Test sei o.B.
B.: Pat mit Piercing und Tätowierungen in deutlich red. AZ. RR 140/80, massiver Befund Zunge mit Soor und Aphten, sonst o.B.
Proc.: Auf Drängen der Angehörigen und nachdem Pat eine Krankenhauseinweisung mehrfach ablehnt Infusion von 5% Glucose Lsg.
Was war das Ergebnis?
Pat kurz darauf mit Glucose 1000 auf Intensiv Station
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Eigene Prinzipien wie z.B. außer in Notfällen, keine Infusion zu geben, außer Acht gelassen. Normalerweise keine solche Behandlung auf Wunsch. Normal z.B. beim Notarzt Einsatz immer!!! Glucose Bestimmung
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Natürlich.
Gerade wenn man müde ist und nach Hause will, sich zu korrektem und konzentriertem Arbeiten zwingen und keine falschen Gefälligkeiten.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Arbeit und Umwelt, Unbekannt,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Dem Drängen von Patienten oder Angehörigen nachzugeben, kann in manchen Situationen fatal sein. Manchmal helfen alle Argumente und Überzeugungskräfte nichts: Der Patient lässt sich nicht überzeugen. Dann sollte zumindest gut dokumentiert werden, dass man etwas anderes vorgeschlagen hat und dem Patienten auch klar gemacht hat, welche Konsequenzen die Nichtbefolgung der ärztlichen Empfehlung haben könnte.
Mal ganz abgesehen davon, dass im vorliegenden Fall der Diabetes des Patienten nicht diagnostiziert wurde, hat sich der Arzt dazu überreden lassen, etwas zu tun, was eigentlich gegen seine Prinzipien war. Vermutlich eine häufige Situation oder bleiben Sie immer konsequent?
Ein anderer Aspekt liegt darin, dass offenbar der Wunsch des Patienten nach einer Infusion und sein Habitus, der den Verdacht auf eine Drogenproblematik aufkommen ließ, die Beteiligten daran gehindert hat, weitere differentialdiagnostische Überlegungen anzustellen.




Kommentare

Hilfe
06.10.2008
19:53:35
HausarztNord
Wenn ich einen Patienten nach den Prinzipien behandeln soll, die ich mal auf der Uni gelernt habe, dann brauche ich so ca. 20min. pro Patient.
Hier ist doch zu sehen, dass nicht nur der Patient krank, sondern auch der Arzt sichtlich erschöpft war. Fehlentscheidungen sind da mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten.
Wenn in meine Praxis nach einem Sprechtag mit so ca. 60-100 Patienten noch jemand kommt, der nicht nur einer medizinischen Therapie bedarf, sondern auch noch Forderungen mit Hilfe seiner Angehörigen durchsetzen will, dann kommt mir immer das kalte Grausen, um es mal human auszudrücken.
Ein Patentrezept für solch eine oder ähnliche Situation gibt es wohl nicht.
Mein persönlicher Eindruck zum geschilderten Fall ist: den Patienten hätte ich in die Klinik geschickt. Wenn er das ablehnt, muss er mir das unterschreiben und damit wäre meine Verantwortung ihm gegenüber zu Ende gewesen, und ich hätte ihm gesagt, dass der Behandlungsvertrag zwischen uns beendet ist.
In dem Moment, wo man als Arzt dann weiter macht, ist alles an juristischer Sicherheit gegessen. Man hat ja weiter behandelt, und somit auch die Verantwortung für seinen Krankheitsverlauf weiter übernommen.
Ich kläre dann auf Todesfolge auf, wenn der Patient meint, das so für sich zu entscheiden, dann ist es seine Sache.
Schlechte eigene Erfahrung hat mich für solche Situationen sehr konsequent werden lassen. Sie glauben ja nicht, was vor den Gerichten hinterher so gelogen wird.

Gruß HausarztNord
02.10.2008
00:11:32
OTS
Das Untersuchungsergebnis war: "weiß nicht , aber vitale Bedrohung," als Klinik.
Juristen sagen Krankenwagen anrufen, Patient muss dann ablehnen .

Ob ich immer so konsequent bin?

Zu viele Angehörige.
Vielleicht auch die mal " Rausschicken" Hilfe
Arzt Patientenbeziehung ist eigentlich nicht etwas für den Marktplatz.

01.10.2008
11:01:27
IT
Vorneweg: Infusion Glucose 5% ist freies Wasser - hat ausser als Trägerlösung für Medikamente keine Indikation als Infusionslösung, schon gar nicht zum Dehydratationsausgleich. Da braucht es Elektrolytlösungen.

Im Liter G5 sind gerade mal 50 g Glucose, knapp zwei Esslöffel, entsprechend einem guten Stück Schokolade. Das reicht nicht für den hohen Zucker ...
01.10.2008
08:48:19
Naja, der Arzt bestimmt die Therapie hoffentlich zusammen mit dem Patienten. Der Pat. hat hier doch genau aufs Problem aufmerksam gemacht und da er völlig ausgetrocknet war, um Flüssigkeit gebeten.
Ich kenne gut aus eigener Erfahrung die reflexartig eingenommene Abwehr gegenüber Patienten, die wir als fordern oder drängend empfinden. Oft ist unsere Reaktion, den Wunsch abzuwehren, als zu überlegen, was der Patient eigentlich hat.
17.09.2008
00:43:59
TH
Naja, vor Glucose-Infusion sollte man schon mal nach Diabetes fragen. Aber das ist ja nichts Neues. Ich gebe bei Austrockung in der Regel Halbelektrolytlösung.

Handlungsbedarf bestand im Übrigen ja wohl schon, um einen BZ von 1000 zu bekommen ist eine Infusion Glukose 5% eher nicht hinreichend !
02.09.2008
18:17:14
Allgemeinarzt
...gerade bei unbekannten Pat. oder solchen, die lange nicht in der Praxis waren in unklaren Fällen und schlechterem AZ eher einmal BZ machen...
02.09.2008
11:59:47
Allgemeinärz-
tin
Drängen von Patienten hat man in der Praxis sehr häufig. Ich denke nur an die berühmte "Spritze" (Diclo) bei Rücken- bzw. Ischiasbeschwerden. Nur die würde helfen! Kriegt der Patient keine Spritze, fühlt er sich nicht gut behandelt! Aber es sind auch oft die Ärzte selbst, die solche Dinge erst entstehen lassen oder sie weitertreiben gemäß dem Motto: Soll er sie haben und ich habe meine Ruhe! Das geht so lange gut, bis es zum anaphylaktischen Schock oder zum Spritzenabszess oder wie im beschriebenen Fall zum Erwachen auf der Intensivstation.
Der Arzt bestimmt die Therapie und nicht der Patient! Da muss man hart bleiben und wem es nicht passt, der kann ja woanders hingehen.

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