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"Kind oder Frau?"

Fehler des Monats 12.2008


Reportnummer:
461
Dieser Fehlerbericht aus der Chirurgie wird von einem PJ´ler berichtet.
Was ist passiert?
Folgender Fall aus meinem PJ in einer chirurgischen Abteilung ist mir sehr im Gedächtnis geblieben. Okay, kein Praxis-Fall, aber inhaltlich auch fürs ambulante Arbeiten relevant.
Ein junges Mädchen kam mit ihrer Mutter in unsere chirurgische Abteilung (ich war damals als PJler eher Beobachter), sie habe Bauchschmerzen. Die Mutter trat sehr fordernd auf, das Mädchen eher still, schüchtern. Eine Appendizitis erschien aufgrund der Anamnese und Untersuchung sowie Labor unwahrscheinlich, am ehesten chronische Obstipation sowie bereits Laxantien-Abusus (die Mutter erschien uns hoch-pathologisch). Wir drängten auf eine Vorstellung in der Kinderklinik zur weiteren Abklärung statt Op bei uns. Am nächsten Tag erneute Vorstellung, Drängen der Mutter auf Klärung. Schließlich erfolgte doch eine Op unter Appendizitis-Verdacht.
Auf dem Op-Tisch sah ich das Mädchen zum ersten Mal komplett nackt, dabei bemerkte ich bei mir selbst eine Überraschung, denn sie war keineswegs so kindlich wie es sich in Begleitung ihrer Mutter dargestellt hatte, sondern eine junge Frau mit entsprechend entwickeltem Körper. Intraoperativ zeigte sich dann: eine große Ovarialzyste als wahrscheinliche Ursache der Beschwerden. Die Gynäkologen des Hauses wurden hinzu gerufen und übernahmen die OP.
Was war das Ergebnis?
Für die Patientin: eine wahrscheinlich unnötige OP - man hätte sicherlich zunächst hormonell behandelt. Glücklicherweise komplikationslos verlaufen, aber natürlich voroperierter Bauch (wenn auch minimal-invasiv) mit entsprechender Briden-Gefahr etc.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
1. Drängen der Mutter nachgegeben.
2. Durch die Familienkonstellation wurde die junge Frau als "Kind" eingestuft. Normalerweise erfolgte natürlich bei unklarer Unterbauchschmerzen ein gynäkologisches Konsil, was ausgerechnet bei dieser Patientin unterblieb.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Natürlich. Nachdenken, einen Schritt zurücktreten und neu nachdenken ;-)
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Patient, ,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Vom ersten Eindruck auf eine falsche Fährte gelockt, diese Voreingenommenheit finden wir häufig bei diagnostischen Fehlern. Im weiteren Verlauf wird die Arbeitshypothese ("unklarer Bauchschmerz bei einem Kind") nicht mehr überprüft. Hier wurde die Patientin als Kind eingestuft und entsprechend behandelt bzw. eben nicht behandelt (kein gynäkologisches Konsil). Möglicherweise hat auch das Verhalten der drängelnden Mutter bei den behandelnden Ärzten eher zu Abwehr geführt und dadurch deren differentialdiagnostische Überlegungen behindert.



Kommentare

Hilfe
06.08.2012
22:41:52
anonym
hier berichtet ein PJler über einen offensichtlich schon zurückliegenden Fall. Ich würde mal unterstellen, dass die zuständigen Ärzte sich schon des Alters und mgl DD bewusst waren bevor operiert wurde.
Spannend bleibt aber der Aspekt, wie die Mutter die Situation beeinflusst. Kommt täglich vor, auch dann wenn man sich dessen eigentlich bewusst ist.
02.08.2012
14:50:35
PJ2
Eine OP durchzuführen, ohne das Geburtsdatum und dementsprechend das Alter der Patientin zu kennen, ist höchst fahrlässig und es ist mir ein Rätsel, wie es soweit überhaupt kommen. Präoperative Untersuchung?
17.11.2009
07:39:34
Allgemeinärz-
tin
@ HA
Warum denn so einfach, wenn es auch komplizierter geht...
;-))

16.11.2009
18:05:23
HA
Wird denn nicht auf das Geb.-Datum geschaut?
07.01.2009
20:07:36
nasebi
@ "Arzthelferin": Ja, wäre sicher "ne gute Idee gewesen, die Mutter rauszuschicken. Aber "einfach" ist das im Alltag ganz eindeutig nicht. Zumal wie gesagt eher der Eindruck "schüchternes Kind" statt "unterdrückter Teenager" entstand - ab welchem Alter würden Sie die Eltern rausschicken? Bei meinen Kindern (allerdings sind die auch erst 1 1/2 und 5 Jahre) würde ich doch absolut drauf bestehen, bei Ihnen zu bleiben! Wo ist die Grenze?
21.12.2008
20:33:39
naja
Prinzipiell schon, aber erst nachdem man die Beschwörungsformel aufgesagt hat...
Da dies ein anonymes Netzwerk sein soll(was für ein cirs enorm wichtig ist), benötigt man keinerlei Registrierung sondern kann gleich loslegen.
Viel Spaß!
21.12.2008
14:20:34
Birgit
Hallo,

kann hier jeder einfach was reinschreiben?
06.12.2008
23:24:46
Arzthelferin
Na meine Damen und Herren,

wieso hat man die Mutter mal nicht einfach heraus geschickt???
Man merkt doch wenn d. Pat. unter druck ist oder wie auch immer! Man hat ja das recht darauf und Schweigepflicht und die ganze Geschichte....
03.12.2008
18:40:11
PJ`ler
Den Fall habe ich selbst berichtet. Wenn ich mich recht erinnere, wurde geschallt, aber nur mit einem schlechten Gerät und "chirurgisch" - vaginal hätte hier sicher weiter geführt.
02.12.2008
15:42:05
bei uns ist das auch sehr haufig
02.12.2008
15:06:14
M.Beyer, Ins-
titut für Al-
lgemeinmediz-
in
Dieses Thema hat ein Frankfurter Chirurg (!), Bernd Hontschik, schon vor zwanzig Jahren gründlich und immer noch beachtenswert aufgearbeitet unter dem Titel: Was hat die Psychosomatik in der Chirurgie zu suchen?- s. http://www.hontschik.de/chirurg/veroeffentlichungen/titel/2004-psychol-med.pdf
23.11.2008
11:59:19
Barbara L.
Ich kann mich dem Kollegen von heute nur anschließen, zumal in so einem Fall auch en die Möglichkeit einer Schwangerschaft gedacht werden muss.
Hier aber auch versumpft worden, die nicht-invasive Diagnostik konsequent durchzuführen. Ein Bauch gehört doch geschallt, bevor er auf den Tisch kommt.
23.11.2008
10:28:01
anonym
Ich kann die Beobachtungen des Kollegen auch aus der Sicht des niedergelassenen Arztes (Allgemeinmedizin, hausärztlich tätig) durchaus bestätigen.

Auch ich erlebe immer wieder Jugendliche, die zusammen mit Vater oder Mutter in der Sprechstunde auftauchen, wobei der Elternteil die "Sprach-Hoheit" hat und der Jugendliche schweigend und teilweise völlig teilnahmslos daneben sitzt.

Meistens geht es um die Abklärung "banaler Symptome" (allgemeine Müdigkeit, Leistungsknick in der Schule, immer mal wieder Bauchschmerzen etc.), verbunden mit der ultimativen Aufforderung, das "jetzt endlich mal was geschehen müsse".

Es kommt mir immer so vor, als wenn der ganze Frust pubertärer Erziehungskonflikte auf meinen Schreibtisch geladen würde ...

Es ist überaus schwierig, hier eine wirklich vernünftige Anamnese (inkl. Fragen z.B. nach Drogenkontakten, sexualler Aktivität etc.) zu erheben. Natürlich werden solche Fragen vom Jugendlichen in Anwesenheit seiner Eltern total abgeblockt.

Manchmal ist es auch unmögich, den Elternteil "aus dem Zimmer zu bitten". Selbst wenn ich erkläre, dass ich mich mit dem Jugendlichen alleine unterhalten möchte, erfahre ich völliges Unverständnis "Wir haben doch keine Geheimnisse voreinander" (was für eine blöde Aussage einer Mutter oder eines Vaters bei einem pubertierenden Jugendlichen!) und dann demonstrativ zum Kind "Oder willst Du, dass ich hinausgehe?", was in dieser unmöglichen Situation dann natürlich mit einem "Nein" beantwortet wird.

Ich setze inzwischen durch, dass ich zumindest die J1-Untersuchung grundsätzlich nur ohne Eltern durchführe, diese Information erhalten die Eltern bereits bei der Terminvergabe, wenn sie damit nicht einverstanden sind, gibt es keinen entsprechenden Termin.

Bei "Akut-Kontakten" ist das natürlich nicht möglich ...

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