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"Gefährliche Selbstdiagnose"

Veröffentlicht/Dokumente:   info praxisteam  

Reportnummer:
502
Dieser Bericht wurde aus einer Hausarztpraxis geschickt.
Was ist passiert?
Ein auch privat bekannter Patient kommt am ersten Tag nach unserem Praxis-Urlaub in die überfüllte Praxis. Wie immer, wenn er etwas braucht, hat er keine Zeit. Er sei seit 10 Tagen erkältet und bräuchte Doxycyclin, er wolle "nur" das Rezept, er wolle keinesfalls dafür in die Sprechstunde, lässt er mir über meine Helferinnen mitteilen. Da er wie immer die Helferinnen arg unter Druck setzt und den Praxisablauf mit seiner Unruhe stört, gebe ich mit ungutem Gefühl nach, lasse ihm aber ausrichten, es wäre besser, er käme in die Sprechstunde. 5 Tage später stellt er sich erneut vor, er bräuchte ein stärkeres Antibiotikum, die Schmerzen in der Brust ließen nicht nach, höre ich wieder über die Helferinnen. Diesesmal, die Alarmglocken haben geläutet, setze ich mich durch, nehme den Patienten vor und erkenne nach kurzer Befragung/Untersuchung des Patienten, dass er unter klassischer Angina pectoris leidet. Ich weise ihn direkt stationär ein. Kurz darauf erfolgt eine koronare Bypass-Operation.
Was war das Ergebnis?
Der Patient hat die kardialen Durchblutungsstörungen und die Operation folgenlos überlebt und hat erkannt, dass es nicht immer richtig ist, Diagnosen selbst zu stellen.
Ich bin entschlossen, in Zukunft keinerlei Akutmedikamente ohne Ansicht des Patienten zu verordnen. Lieber mal einen ungeduldigen Patienten vorziehen und den Unmut der geduldig wartenden Mitpatienten in Kauf nehmen.
Mögliche Gründe
Unvernunft des Patienten, Inkonsequenz meinerseits, Arbeitsbelastung des Teams.
Wie hätte man das Ereignis verhindern können?
Es wäre leicht zu verhindern gewesen durch:
Konsequenz in der ärztlichen Behandlung; auf-das-eigene-Gefühl-hören; Bereitschaft, die eigenen Regeln des Praxisablaufes zur Abwendung eines Schadens auch einmal zu brechen (die Reihenfolge der wartenden Patienten missachten, auch wenn der ungeduldige Patient scheinbar nichts akutes hat); Genaueres Abfragen der Symptome durch die Helferinnen.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Kommunikation, Ausbildung und Training,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Der privat Bekannte fordert als "Privileg" ohne Wartezeit zwischendurch behandelt zu werden - will nur mal schnell ein Rezept. So werden Routinen umgangen, die einen Sicherheitsfaktor darstellen.
Haben Sie in Ihrer Praxis klare Regeln für alle Mitarbeiter, wie mit diesen Patienten umgegangen wird?



Kommentare

Hilfe
20.01.2010
10:04:13
Martin K.
Ich glaube das so mach einem "Kollegen" noch nicht bewusst ist, welchen Sinn diese Plattform verfolgt.

Aus Fehlern lernen und nicht den "Schuldigen" anprangern.

Wie weit ist der Weg zur Fehlerkultur?
11.10.2009
22:14:05
ryp
ich finde ehrlich gesagt, es geht gar nicht, den drängler vorzuziehen, wo kommen wir denn da hin ???
ohne untersuchung keine verordnung und wenns voll ist wird halt gewartet, es sei denn, man hat einen termin.
wenn ihm das seine gesundheit nicht wert ist, hat er pech gehabt !
bei entsprechend eindringlicher symptomatik ist das sofortige ekg etc natürlich keine frage !!
nörgler vorzuziehen untergräbt meine glaubwürdigkeit und das wertgefühl meiner geduldigen patienten.
09.09.2009
00:16:56
AH
Was mich erstaunt, dass man einfach so Antibiotika aufschreibt.....Auch wenn der Pat. unruhe macht ist das doch egal nur wenn der Arzt den pat. untersucht dann erst Antibiotika...Oh je
07.08.2009
00:36:36
Neben dem Aspekt das hier eine ernstzunehmende Erkrankung vorlag, die so nicht erstmal nicht erkannt wurde, finde ich erstaunlich, dass sich noch immer nicht überall herumgesprochen hat, dass die Zeiten des Antibiotika-Füllhorns vorbei sind.
12.07.2009
22:00:55
Barbara L.
Mir imponiert immer wieder, wie umfassend mich ein bestimmter Kollege, den ich immer wieder wegen der Therapie einer chronischen Erkrankung aufsuchen muss aufklärt, sich Einwilligungen unterschreiben lässt, kurzum, mich so sorgfältig behandelt, wie einen anderen Patienten auch (o.K., mit dem Privileg der verkürzten Wartezeit), OBWOHL ich Kollegin bin.

Akute Erkrankungen will ich mir ansehen, bevor ich etwas rezeptpflichtiges ausstelle oder ein Muster rausgebe. So bestand ich neulich darauf, die Hämorrhoiden eines Laien-Bekannten zu sehen und wies ihn direkt zur Spaltung eines periproktitischen Abszesses ein. Nicht lebensgefährlich, aber eine schmerzhafte Nacht erspart.

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