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Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 459
Prof. Dr. med. Hansjürgen Bratzke, Direktor des Instituts für Forensische Medizin der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Für die Diskussion ist es zunächst wichtig, sich mit den Begriffen auseinanderzusetzen. Ein "Natürlicher Tod" liegt dann vor, wenn es sich um einen Tod allein aus innerer krankhafter Ursache handelt, er also "schicksalsmäßig" eingetreten ist.
Kommen äußere Umstände hinzu, die für den Todeseintritt von Bedeutung sind oder sein könnten (z.B. ein häuslicher Sturz mit Schenkelhalsfraktur, Immobilisation, Pneumonie bzw. Lungenembolie), dann liegt kein natürlicher Tod vor. Auch die Unterlassung einer notwendigen Diagnostik oder Therapie kann einen solchen äußeren Umstand darstellen.

Für den Arzt bei der Leichenschau bedeutet dieses, wenn er von einem solchen Umstand Kenntnis hat, dass dann nicht geklärt ist, ob es sich um einen natürlichen oder nichtnatürlichen Tod handelt, somit eine "unklare Todesart" vorliegt.

Da die Leichengesetzgebung dank des Föderalismus in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt ist, kann das weitere Vorgehen des Arztes nur beispielhaft dargestellt werden. In der Regel trifft ihn mit der Feststellung einer "ungeklärten" bzw. "nichtnatürlichen" Todesart die Pflicht, unverzüglich die zuständige Polizeibehörde über diesen Umstand in Kenntnis zu setzen, damit Ermittlungen in Gang gesetzt werden können.

Liegt dagegen zweifelsfrei ein natürlicher Tod vor, nur ist der letztendliche Todeseintritt in seiner Genese unklar, dann handelt es sich um eine "unklare Todesursache" bei natürlichem Tod, und das ist kein Fall für die Polizei. Im Krankenhaus wäre der Pathologe (nicht der Rechtsmediziner!) für eine Untersuchung des Verstorbenen zuständig, bei einem Tod zu Hause müsste eine Privatsektion auf Kosten der Angehörigen von einem Pathologen (oder auch Rechtsmediziner) zur Klärung des Todesursache erfolgen. Als Spezialfall ist (zumindest in Hessen) vorgesehen, dass bei "Natürlichem Tod" und unklarer Todesursache vor der Einäscherung auf Kosten der Totensorgeberechtigten (bzw. Erben) eine "Feuerbestattungssektion" durchzuführen ist.

Es ist nicht Aufgabe des/r leichenschauenden Arztes oder Ärztin, die Schuldfrage zu erörtern, denn die Klärung dieser Frage ist ja gerade der Anlass für die Ermittlungen und ggf. für die gerichtliche Leichenöffnung. Dabei gilt es zu klären, ob ein Behandlungsfehler vorlag und dieser (bei strafrechtlicher Beurteilung) mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Tode geführt hat. Im konkreten Fall wäre aus medizinischer Sicht mit der erforderlichen Sicherheit zu beweisen gewesen, dass der Tod (z.B. durch Lungenembolie) auf die unterlassene Thromboseprophylaxe zurückzuführen war oder ob die Lungenembolie nicht auch bei adäquater Therapie hätte eintreten können (was im vorliegenden Fall wohl nicht zu widerlegen wäre). Die zivilrechtliche Würdigung muss in diesem Zusammenhang außer Acht gelassen werden, weil hier die Beweislast beim Kläger (z.B. Angehörigen) liegt, es aber bei einem groben Behandlungsfehler zur Beweislastumkehr kommen kann (d.h. der Arzt müsste beweisen, dass der Patient auch gestorben wäre, wenn er "alles richtig gemacht hätte").
Sicherlich gibt es einen Ermessensspielraum sowohl beim leichenschauenden Arzt als auch bei der Kriminalpolizei bzw. bei der Staatsanwaltschaft oder Richter, wie die Ausgangposition zu werten ist und ob es sich um eine unvermeidbare Komplikation einer Krankheit handelt oder "auch im weitesten Sinne" eine strafbare Handlung für den Tod in Frage kommt.
Anders sieht es aus, wenn es bekanntermaßen z.B. durch eine Medikamentenverwechslung zu einem irreversiblen Hirnschaden und letztlich zum Tod gekommen ist. Hier würde sich der leichenschauende Arzt der "Strafvereitelung" schuldig machen, wenn er wider besseres Wissen einen natürlichen Tod bescheinigen würde (soweit er nicht selbst der "Täter" ist).

Dass den Anregungen der Ärzte zur Sektion in Deutschland so wenig gefolgt wird, ist ein bekannter und zutiefst inhumaner Zustand, weil man Angehörige nur zu oft im Ungewissen über die Todesursache lassen muss und dadurch die Trauerarbeit nachhaltig behindert wird. Wir haben leider das Instrument der "Verwaltungssektion", wie es in der DDR regelmäßig angewendet wurde, aus der Hand gegeben und verschanzen uns hinter dem "fortwirkenden Persönlichkeitsrecht", um wissenschaftliche Sektionen zu verhindern. Diese Rechtsbedenken führen auch dazu, dass ein unklarer oder nichtnatürlicher Todesfall nicht zwangläufig eine Indikation für eine gerichtliche Leichenöffnung darstellt, sondern es muss (wie oben ausgeführt) eine strafbare Handlung zumindest im Bereich des Möglichen liegen. Daher werden Selbsttötungen in der Regel auch nicht obduziert.
Wird eine gerichtliche Leichenöffnung angeordnet, dann handelt es sich um ein "Geheimes Todesermittlungsverfahren", und es ist dem Rechtmediziner verwehrt, Informationen an Dritte weiterzugeben. Wir verfahren in diesem Bereich pragmatisch und erwirken bei der Staatsanwaltschaft die Erlaubnis zur Weitergabe der Befunde an die behandelnden Ärzte, soweit sie nicht als mögliche Beschuldigte in Betracht kommen und es bei weiterhin bestehender (postmortaler) Schweigepflicht im wohlverstandenen Sinne des Verstorbenen ist, dass sein Arzt Kenntnis von Tod und Todesursache erhält. Die Zustimmung der Staatsanwaltschaft wird aus unterschiedlichen Gründen nicht immer erteilt, so dass uns tatsächlich bisweilen die Hände gebunden sind und wir unseren Kollegen keine Auskünfte über die Ergebnisse der Sektion geben können.

Prof. Dr. med. Hansjürgen Bratzke
Dezember 2008