Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 480
Dr. Armin Mainz, Seit 1994 niedergelassen als hausärztlicher Internist in einer Gemeinschaftspraxis in Korbach, Hessen.

Dringlicher Hausbesuch

Ein Fehlerbericht aus einer Hausarztpraxis, der zum Nachdenken anregt.
Da ist zunächst ein harmlos erscheinendes Ereignis: Ein gut 40-jähriger Patient mit einem grippalem Infekt wird telefonisch beraten; einen Tag später verschlechtert sich der Zustand des Patienten und die bisher reibungslose Betreuung gerät aus den Fugen. Was waren die Gründe dafür? Schauen wir uns die verschiedenen Parteien, die an dem Vorfall beteiligt waren, einmal genauer an:

In vorbildlicher Weise hat das Praxisteam zeitnah(!) in einer Teambesprechung den Vorgang diskutiert. Und es ist beachtlich, dass mit "Kommunikation" und "angespannte Arbeitssituation" bereits zwei ursächliche Faktoren benannt wurden. Hier könnte man jetzt ansetzen, wenn es darum geht, solche oder ähnliche Vorkommnisse zukünftig zu vermeiden. Denn nur die Aussage "Einfach mal hinfahren, auch dann wenn man glaubt, es ist nichts Ernstes" löst unser gemeinsames Problem nicht, das im Grunde genommen so lautet: Wie kann man mit außergewöhnlichen Situationen im Praxisalltag umgehen, ohne dass der gewöhnliche Praxisablauf einschließlich der Patienten, Mitarbeiterinnen und Ärzte darunter leidet?
Im Folgenden dazu einige Fragen und Anregungen:

  • Werden die Einschätzungen der MFA hinsichtlich der Notwendigkeit/Dringlichkeit eines Hausbesuchs berücksichtigt? Es existieren einige Anleitungen und Checklisten (auch auf dieser website zu finden!), die die MFA bei ihrer Entscheidung unterstützen können. Jedoch ist es ratsam, diese Hilfsmittel nicht einfach so zu übernehmen, sondern sie an die jeweilige Praxis anzupassen.
  • ritt die "angespannte Arbeitssituation" oft auf? Wenn ja, sollte man über eine Umgestaltung des Sprechstundenplans nachdenken: Sind die Konsultationszeiten angemessen? Gibt es genügend Pufferzeiten? Gibt es einen (täglichen?) "Hausbesuchsblock"? Gibt es Zeiten im Terminkalender für Rückrufe/telefonische Beratungen?
  • Was war der tiefer gehende Grund für die Beziehungsstörung zwischen dem Patienten/der Ehefrau und dem Arzt? Wie hätte der Arzt seine Entscheidungsgründe verständlicher vermitteln können? Und wie hätte der Patient/die Ehefrau zu mehr Mitverantwortung motiviert werden können (zum Beispiel zu einem Transport in die Praxis)? Eine gemeinsame Entscheidungsfindung von Patient/Angehörigen und Arzt/Praxis kann (nicht nur) in schwierigen Fällen eine gute Lösungsstrategie darstellen. Besonders das "Rückversichern" über getroffene Entscheidungen schafft Klarheit und gibt Sicherheit: "Sind Sie damit einverstanden, dass wir jetzt so vorgehen?" In Qualitätszirkeln können solche Situationen simuliert und verschiedene Vorgehensweisen besprochen und geübt werden.

Dr. med. Armin Mainz
Juli 2009