Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 484
Dr. H.M. Schäfer
niedergelassener Allgemeinmediziner in Eltville und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

RTW oder privater PKW?

Der angeforderte Hausbesuch mit fraglicher Dringlichkeit ist ein sensibles Thema und eine wichtige Fehlerquelle in unseren Hausarztpraxen. Patienten drücken sich gegenüber den Helferinnen am Telefon unklar aus, fürchten einen Notarzteinsatz, schaulustige Nachbarn oder erschreckte Angehörige. Sie bagatellisieren ihre Beschwerden am Telefon aber auch noch vor Ort und der herbeigerufene Hausarzt gerät in die Rolle dessen, der "übertriebene Maßnahmen" ergreifen will und dadurch womöglich inkompetent erscheint.
Trotzdem: kein Zögern! Hinweise auf lebensbedrohliche Erkrankungen weisen eben auf eine Lebensbedrohung hin! Hier müssen eingespielte Rettungskräfte tätig werden!

In den vielen Jahren hausärztlicher Tätigkeit habe ich gelernt, mich an Prinzipien zu halten und "auf Nummer sicher" zu gehen. Jeder Hinweis auf eine lebensbedrohliche Symptomatik gehört in die Verantwortung eines Notarztes mit zugehörigen Rettungsmitteln, wenn dieser schnell genug verfügbar ist. Meine Helferinnen wurden geschult, solche Hinweise aufzuspüren und unverzüglich das notwendige Rettungsmittel zu alarmieren. In den wenigen verbleibenden Zweifelsfällen wird das Gespräch ins Sprechzimmer durchgestellt und ich kläre differentialdiagnostische oder organisatorische Fragen.

Im Falle des mit privatem PKW unter Vorausfahrt des Arztes transportierten Patienten mit akutem Hinterwandinfarkt hat der Kollege Glück gehabt, dass keine Komplikationen eintraten. Kammerflimmern, Asystolie oder hypertensive Krise hätten die ärztlich eskortierte Krankenfahrt zur Todesfahrt und seine weitere ärztliche Tätigkeit auf eine Leichenschau reduzieren können. Kein Zweifel: bei Hinweisen auf einen lebensbedrohlichen Zustand ist das Leben des Patienten auch dann bedroht, wenn ihm ein Arzt voraus fährt. Der Patient muss von einem kompetenten Notarzt und dessen Equipment begleitet.

Wir müssen uns das alte Sprichwort "sicher ist sicher" oder "safety first" immer wieder zur Parole machen, um Schaden vom Patienten (und damit auch von uns Ärzten) abzuwenden. Die ärztliche Kompetenz besteht häufig gerade im Notfall in einer guten Kommunikation ("...ich lasse Sie jetzt in Begleitung des Notarztes transportieren, weil...!") und nicht in dem oft nahe liegenden "faulen" Kompromiss.

Dr. med. Hans Michael Schäfer
Juni 2009