Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 497 und 445

Karola Mergenthal, Medizinische Fachangestellte,
Institut für Allgemeinmedizin, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Psychiatrische Diagnosen in der Allgemeinmedizin

Keine Frage, von den AllgemeinmedizinerInnen wird hohe Kompetenz auf den unterschiedlichsten Gebieten erwartet. Wie in den Kommentaren schon angemerkt wurde, ist es durchaus üblich, dass in der allgemeinmedizinischen Praxis depressive Patienten betreut werden - sei es auch nur, um die Wartezeit bis zu einem Termin beim Psychiater/Psychotherapeuten zu überbrücken.
Wenn in der Fehlervermeidung thematisiert wird, dass mehrere Sicherheitsinstanzen eingebaut werden sollten, so möchte ich auch an die Kompetenzen der Medizinischen Fachangestellten (MFA) erinnern.

Die aktuelle Diskussion zum Kompetenzzuwachs für MFA passt prima zu diesem Thema.

Was kann die MFA konkret bei der Betreuung psychiatrischer Patienten tun?
Ergebnisse aus z. B. der Prompt-Studie zeigen, dass durch ein strukturiertes Monitoring (Beobachtung des Behandlungsverlaufes) die Symptomatik von Patienten mit Major Depression (einer gewichtigen Form der Depression) verbessert werden kann. In dieser Studie haben speziell geschulte MFA aus den hausärztlichen Praxen regelmäßig telefonisch Kontakt mit den depressiven Patienten aufgenommen. Mit Hilfe einer neu entwickelten Depressions-Monitoring-Liste (DeMoL) befragten sie die Patienten nach depressiven Beschwerden und dem aktuellen Behandlungsbedarf. Die Ergebnisse dieser Telefonbefragungen wurden dem Arzt rückgemeldet und dieser konnte bei Bedarf die Behandlung anpassen.
Die begleitende qualitative Befragung der Beteiligten hat ergeben, dass sich der unterstützende Einsatz der MFA als zusätzlicher Vorteil für das Praxisteam darstellte. Die depressiven Patienten fühlten sich aktiviert und motiviert, was zu einer Symptomverbesserung führte, die gemeinsam vom Praxisteam erzielt werden konnte (www.prompt-projekt.de).

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele MFA an Fort- und Weiterbildung interessiert sind, genau so sehr, wie auch an ihrer ursprünglichen Aufgabenstellung: für und mit den Patienten zu arbeiten.

Vielleicht ist es eine Motivation für die MFA, im Rahmen einer innerbetrieblichen Weiterbildung - zum Beispiel zum Thema Depression oder Psychose - die Umgangsformen mit diesen Patienten zu reflektieren. Vielleicht ist es auch für die AllgemeinmedizinerInnen eine gute Wissensüberprüfung, so eine innerbetriebliche Weiterbildung vorzubereiten. Dabei denke ich an den Abbau von Vorurteilen und so grundsätzliche Sachen wie z. B.:

  • Wie kann man den Unterschied zwischen depressiver Verstimmung und Depression erklären?
  • Stimmt es, dass nicht alleine Lebensumstände an der Entstehung einer Depression schuld sind?
  • Wie ticken Menschen mit Psychose?
  • Was bedeutet es für diese Menschen, wenn sie Psychopharmaka nehmen müssen?

Viele Allgemeinmediziner und Allgemeinmedizinerinnen wissen, welchen Wert eine kompetente MFA hat. Viele schätzen deren gutes Einschätzungsvermögen bei somatischen Erkrankungen. Warum sollte man nicht auch deren Kompetenzen für psychiatrische Erkrankungen schulen und nutzen?

Karola Mergenthal
September 2009