Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 534
Von Iris Schluckebier, Medizinische Fachangestellte Gemeinschaftspraxis (Allgemeinmedizin, Phlebologie), Kamen (Nordrhein-Westfalen)

Kein Termin

Was hier passiert ist, kann nicht allein auf die MFA abgeschoben werden. Wenn eine solche Abfuhr auf einen dringenden Terminwunsch allein über die MFA erfolgen kann, ist etwas in der Organisation nicht abgesichert. Somit trifft auch den Praxisinhaber eine Mitschuld. Den Fehlerfaktor sehe ich nicht nur bei der Kommunikation. Denn im Gespräch ist der Wunsch nach einem Termin sicherlich sehr klar rübergekommen. Vielmehr fehlt der Kollegin hier wohl das nötige Engagement in unserem Berufsbild. Wenn z. B. immer sie die Kollegin ist, die bis zum Ende bleiben muss und schon eine Menge Überstunden angesammelt sind, entschuldigt dies nicht ihr Verhalten, aber erklärt dieses Desinteresse an den Patienten und der Praxis. Bei den möglichen Gründen sollte auch ergänzt werden, dass ein Nicht-Wissen der MFA in Betracht gezogen werden muss. Sie konnte die Diagnose und dazugehörige Therapie nicht einschätzen. Eine Maßnahme, das Ereignis in Zukunft zu verhindern wäre: Die ärztlichen Leitung trifft eine klare Arbeitsanweisung, dass keine MFA eigenmächtig einen Patienten im Zweifelsfall "abwimmelt". Bei nicht eindeutigen Entscheidungen erfolgt eine Rückfrage beim Arzt. Es wird innerhalb der Kolleginnen eine Dienstplanregelung getroffen, die dafür sorgt, dass es immer im Wechsel eine Kollegin gibt, die abends den "Ende offen Part" hat. Diese Zeit wird an ruhigen Tagen "abgefeiert". So entsteht kein Überstundenfrust und das Engagement wird geweckt. Aber auch das gibt es und wäre die andere Seite des geschilderten Falles: Den Anpfiff vom Chef, den viele Kolleginnen im Laufe der Woche bekommen, die mal eben noch einen "Termin dazwischen schieben", weil sie einen Patienten als Notfall angesehen haben. Wenn auch der Chef dann keine Lust mehr hat, abends noch länger zu bleiben und der Patient entpuppt sich als Nicht-Notfall, dann hagelt es Kritik. Und dann überlegt man sich in Zukunft auch lieber zweimal, ob man noch einen Patienten dazwischen schiebt. Auch hier gilt die Maßnahme, im Zweifelsfall beim Arzt den Termin absegnen lassen.

Iris Schluckebier
August 2010