Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 540
Dr. med. Martin Schaper, Facharzt für Allgemeinmedizin, Ober-Mörlen

Rezidivierende Otitis media

Dieser "Fehler", der eigentlich keiner war, zeigt die vielen Untiefen der Medizin, insbesondere der Allgemeinmedizin auf:
Er zeigt, dass die Medizin eine Kunst ist, und trotz aller Bemühungen mit Leitlinien und EBM die Ebene der exakten Wissenschaft noch lange nicht erreicht hat. Das öffnet dem Arzt und dem Patienten Tür und Tor für Spekulationen und Vorwürfen der falschen Diagnose und Behandlung. Darum lieben wir doch die akute Galle, den akuten Vorderwandinfarkt, die Hypertonie und das Vorhofflimmern und den Abszess und alle anderen Dinge, die wir belegen können, so sehr. Und die anderen weniger: das Ohr, das so verschwollen und matschig ist, dass man nichts sieht; der Schwindel, der mindestens 20 Ursachen hat, und man die richtige meist nicht findet, geschweige denn behandeln kann; diffuser Bauchschmerz, der vorbei ist bevor man die Diagnostik abgeschlossen hat oder alle psychosomatische Krisen, die der Phantasie des Patienten freien Lauf lassen und den Doc zuweilen völlig irre machen können. Hier bedarf es eben der Kunst der Differentialdiagnostik der Schulmedizin und dem eigenen Eingeständnis, dass wir manches eben nicht wissen, ohne dass wir uns Spekulationen und Mutmaßungen hingeben sollten.

Dann die Geschichte mit den Patienten! Ich mache mir immer wieder mal klar, wie ich als Arzt von dem natürlichen Verlauf, sprich der Selbstlimitierung einer Krankheit, also von der Natur abhängig bin: Kommt ein Patient zu mir mit Schulterschmerzen, dem ich zunächst Ibuprofen rezeptiere und er freudestrahlend nach der Einnahme von 2 Tabletten fast beschwerdefrei zu mir zurückkommt, denke ich mir: Glück gehabt Junge, die Natur war Dir hold, Du hast gerade zur rechten Zeit, nämlich zum Zeitpunkt der Selbstlimitation der Krankheit etwas gemacht, was der Patient jetzt Dir zuschreibt. Das Arzt-Patienten-Verhältnis ist im Lot. Anders aber ist es, wenn der Zeitpunkt der Selbstlimitation noch nicht begonnen hat und wir noch nicht wissen, ob er ohne unsere Hilfe je eintreten wird. Wie bei dem Kind im beschriebenen Fall eben. Da wird das Arzt-Patienten-Verhältnis schwieriger. Man kann froh sein, wenn Patienten einem Vorwürfe machen, zu denen man Stellung nehmen kann, anstatt dass sie mit den Füßen abstimmen und einem keine Chance geben, den eigenen Standpunkt darzustellen. Vielleicht auch noch schlecht über einen sprechen und die angebliche Verfehlung anprangern. Dann ist das Fazit klar: Offenheit und die Auseinandersetzung suchen, wenn es ernst ist, zum Patienten fahren und mit Ihnen darüber sprechen.

Dann erscheint noch das Thema des Doc hopping. Alle Doktoren kriegen nur eine Chance -ganz schlecht für den Patienten! Jeder Arzt mit Erfahrung hat seine Wege, die er beschreitet, wenn es schwieriger wird...auch die Fachärzte. Man gibt Ihnen aber keine Chance, weil die Patienten gleich zum nächsten Arzt rennen, der wieder von vorne anfangen muss. Es ist unsere Aufgabe, das zu erkennen und vermeidlich schwere Verläufe zu "bahnen", und das geht nur mit erfahrenen Strukturen. Diese müssen aber ihre Chance bekommen. Wer letztlich die Diagnose stellt, sollte egal sein - was in der heutigen Kunst der Medizin nicht selbstverständlich ist. Der Doktor ist so gut, wie er seinen Kollegen diffamieren kann, ist die Devise: "Wieso sind Sie nicht gleich zu mir gekommen, Sie hätten sich viel Ärger erspart." "Ich verstehe nicht, warum die Kollegen das nicht vorher gesehen haben..." Irren ist menschlich, gerade in der Medizin, wir sollten uns da immer selbst an die Nase fassen und den Kontakt zu den Kollegen suchen.

Die Medizin ist eine vage Kunst, wir können sie nur durch unser gemeinsames Interesse am Patienten erhellen, kontrastieren und versuchen dadurch Fehler zu vermeiden.

Dr. med. Martin Schaper
Mai 2010