Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

Der Gastkommentar

Gastkommentar zum Fehlerbericht 552
Dr. med. Gerd Vetter, Facharzt für Allgemeinmedizin, Frankfurt

Notfall in der Praxis

Ein Notfall stellt nicht nur für die Beteiligten eine Herausforderung dar, sondern - wie die Kommentare zeigen - auch für die Leser des Geschehens.

Geschehen war unter Ausblendung der Kommentare Folgendes: Ein auffälliger Patient wird von der Empfangs-MFA als kardialer Notfall eingeschätzt und ins EKG-Zimmer mit einer dafür nicht ausgebildeten Auszubildenden geschickt. Der Arzt wird informiert und geht ebenfalls ins EKG-Zimmer. Es wird offensichtlich ein EKG geschrieben, eine Infusion angehängt und der Notarzt gerufen. Die Auszubildende wird bis zum Eintreffen des Notarztes allein mit dem Patienten gelassen. Der normale Praxisbetrieb läuft weiter. Das Team wird nicht informiert.

Da es am Ende des Vorfalls, wie es im Bericht heißt, dem Patienten gut ginge, bleibt die Überlegung, was hätte besser laufen können in Bezug auf die Sicherheit des Patienten, des Ablaufs der Behandlung und der Zufriedenheit der Teammitglieder.

In unserer Praxis gibt es ein Fehlerbuch im PC, in das Fehler und vermeintliche Fehler eingetragen werden. Diese werden bei der nächsten Teamsitzung analysiert, über Abhilfe diskutiert und anschließend klare Regeln festgelegt.

Da der Notarzt gerufen wurde, sind sich Arzt und Empfangs-MFA einig, dass es sich tatsächlich um einen Notfall handelt. Wenn das so ist, so ist meine Vorstellung, hat der Arzt und nicht die Auszubildende sich bis zum Eintreffen des Notarztes vom Befinden des Patienten zu überzeugen, d.h. er kann den Praxisbetrieb nicht wie normal weiterführen. Die Erstkraft oder - in unserem Fall - die Vertreterin leitet die anderen Teammitglieder an. Der Notfall muss den Teammitgliedern kommuniziert werden, da es zu einer lebensbedrohlichen Situation kommen könnte; denn eine Hauptmaxime allgemeinärztlichen Handelns ist das "Abwenden gefährlicher Verläufe".

Nur durch eine Unterbrechung der normalen Praxisroutine wird die Aufmerksamkeit aller erhöht. In Notfallsituationen sollte, so sehe ich es, eine klare Hierarchie bestehen von Arzt über Erstkraft bzw. Vertreterin über weitere Teammitglieder bis zur Auszubildenden. Wenn nämlich die Verantwortlichkeit der einzelnen Teammitglieder entsprechend ihres Wissens gestärkt und auch abgerufen wird, fühlt sich das Team als Gruppe gestärkt und die Identität und die Zufriedenheit mit dem Beruf und der Praxis nehmen zu. Auch die Auszubildende findet die Aktion hinterher gut, wenn sie nicht alleine gelassen wird.

Um die Sicherheitskultur in dieser Praxis zu stärken, wird es notwendig sein, dass alle Mitglieder rotierend jede Tätigkeit in der Praxis ausführen - auch die Erstkraft, die wohl immer am Empfang zu sein scheint. Nur so können auch die anderen Teammitglieder mit verantwortlicher Delegation umgehen lernen, was beim Fehlen der Erstkraft unbedingt notwendig ist. Solange in den Köpfen der Teammitglieder nur feststeht, dass es die Erstkraft schon richten wird, solange werden sich solche Momente der Unübersichtlichkeit - nicht nur in Notfällen - wiederholen. Alleine ein Notfallplan und praktische Übungen scheinen nicht zu reichen, sind jedoch hilfreich. Der Arzt wird aktiv sein Team mitgestalten müssen und dies nicht alleine seiner Erstkraft überlassen dürfen.

Dr. med. Gerd Vetter
Dezember 2010