Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

 
Zum Druckdialog gelangen Sie auch
über die Tastenkombination "STRG" + P.

Fehlerbericht Hauptseite

"Nadelstichverletzung"

Fehler des Monats 04.2007


Veröffentlicht/Dokumente:   ärztemagazin  

Reportnummer:
365
Eine Kollegin berichtet von einem ihr sehr gut bekannten etwa 30-jährigen Patienten:
Was ist passiert?
Erfahrene Helferin beraumt Routine-Blutentnahme bei Methadon-Substitutions-Patient an, mit SEHR schlechten Venen (jahrelang Heroin iv) und chronisch-aktiver Hepatitis C, findet deshalb keinen Zugang, bittet mich (Allg.ärztin) um Durchführung der Blutentnahme. Praxis rappelvoll und ich eh schon knapp in der Zeit, daher unglücklich und sauer über die Terminierung (NICHT über das Selbermachen). Nach 15minütigem Suchspiel gelingt Venenpunktion und Blutentnahme. Beim Wegziehen der gelösten Staubinde fahre ich mit linker Hand in die noch in rechter Hand festgehaltene Kanüle.
Was war das Ergebnis?
Nadelstichverletzung mit Infektionsrisiko im Prozentbereich, dreiwöchige Blutkontrollen begleiten nun nächstes halbes Jahr.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Mangelnde Konzentration wegen Stress und Arbeitsüberlastung, noch verschlechtert durch Ärger Nichteinhalten von Routinen (sofortiger Abwurf benutzter Nadeln)
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Patient in aller Ruhe zu späterem Zeitpunkt wieder einbestellen - Routine-BE ist kein unverschiebbarer Sachzwang.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Organisation, Team und soziale Faktoren, Arbeit und Umwelt
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Eine volle Praxis, ein hoher Geräuschpegel, drängelnde Patienten - unter Stressbedingungen unterlaufen allen Menschen diese typischen Aufmerksamkeitsfehler wie im beschriebenen Fall. Je mehr in solchen Situationen Handlungen automatisch ablaufen, wie das Abwerfen der benutzen Kanüle, desto weniger haben äußere Faktoren (Ärger, Zeitdruck) Einfluss auf die korrekte Durchführung des Arbeitsschrittes.
Eine zweite Strategie kann jedoch sein, die Stressbedingungen abzuschwächen und z. B. den Druck der wartenden Patienten zu verringern. Die Berichtende schlägt daher vor, bei "rappelvoller" Praxis Patienten wieder nach Hause zu schicken, wenn der Grund für deren Termin verschoben werden kann.
Wie reduzieren Sie in Ihrer Praxis den Stress, wie gelingt Ihnen als Praxis-Team, Ihre Arbeitsbedingungen so optimal wie möglich zu gestalten? Wie sehen die Montage bei Ihnen aus?



Kommentare

Hilfe
10.01.2020
10:11:08
Studentffm
Wir sind Studenten des 3.Semesters der Humanmedizin und haben uns im Kreise des Wahlfachs "Fehler in der Medizin" Gedanken zu diesem Fall gemacht. Wir würden ebenfalls vorschlagen, dass in Praxen die neuen Butterfly-Systeme (Safety-Butterflys) verwendet werden sollten, welche eine Art Clip-System haben. Somit wird das Risiko der Nadelstichverletzungen deutlich vermindert. Besonders bei infektiösen Patienten denken wir, dass es sinnvoll ist, wenn man auf diese Art von Kanülen zurückgreift, da die eigene Sicherheit immer im Vordergrund stehen sollte.
22.07.2007
20:38:00
th
Ein Substitutionspatient kommt jede Woche wieder - mindestens !!

Eine Routine-BE muß daher nicht heute stattfinden !!

Einge gute Vorbereitung ist einiges:
- Warme Jacke/Anorak/Pullover auf dem Weg zur Praxis (im Sommer haben viele Patienten morgens auf dem Weg zur Praxis bereits kurze Ärmel und kurze Hosen/Röcke an, sodaß sie zentralisiert haben, bis sie in der Praxis angelangt sind)
- Zu Hause bereits 1/2 - 1 l warmen Tee trinken vergrößert die zirkulierende Flüssigkeitsmenge und weitet die Venen (zumindest etwas)
- Wenn ich die Venen nicht tasten kann, dann geht mein Patient (vor allerm der Substitutionspatient) treppensteigen: 5 x in den 3. Stock hoch und wieder runter ....

Danach klappt es oft.
17.06.2007
16:11:00
Anonymus
"dreiwöchige Blutentnahmen begleiten das nächste halbe Jahr"
ist nicht mehr zeitgemäss. auf www.kompetenznetz-hepatitis.de gibt es konkrete Hinweise zur Laborkontrolle nach Nadelstichverletzungen : 3x reicht !

Drogenabhängige = Junkies kennen ihre Venen meist sehr gut. ich habe kein Problem damit, die Pat. mit butterfly in der Praxis selber Blutabnehmen zu lassen
25.05.2007
13:46:00
Hanspeter Ko-
ch, Fachbera-
ter für Infe-
ktionspräven-
t.
Safety first. Korrekt. Hektik vermeiden, alles braucht seine Zeit. Aber:
1.Venenstauband öffnen, bevor man Nadel zurückzieht --> das blutet auch weniger, was auch Sicherheitsvorteile bringt.
2.Möglichkeit: Gute Arbeitsplatz-Vorbereitung gehört dazu. Bedeutet: Durchstichsichere Nadelbehälter oder Kanülenhalter unmittelbar neben Arbeitsplatz bereithalten und bequeme Arbeitsposition einnehmen (lassen).
3. Verwendung von Sicherheits-Nadeln (siehe Bericht vom 25.04.07)
25.04.2007
10:28:00
Dominik Ewal-
d, Poliklini-
k-Arzt und Q-
MB
Im Frankfurter-Uniklinikm wurden wegen häufigen Nadelstichverletzungen bei Mitarbeitern neue Venen-Verweilkanülen, wie auch neue Butterflys, die einen Clip-Schutz vor der Nadel beim Zurükziehen aulösen, eingeführt.

Zunächst war ich persönlich skeptisch gegenüber den neuen Systemen, muss aber sagen, das gerade in einer Kinder-Poliklinik, bei denen die Venen auch nicht immer einfach zu finden sind, die Nadelstichverletzungen, insbesondere bei Ungeübten (Studenten, Anfängern) und Assistenzpersonal gegen Null abgenommen haben.

Gerade der oben beschriebene Fall, das sich selber in die Nadel fassen/stechen, wäre mit den neuen Systemen gut zu verhindern gewesen. Denn egal ob Hektik oder nicht, mit der linken Hand in die Nadel, die noch in der rechten Hand ist, zu fassen, passiert immer wieder.
16.03.2007
22:51:00
Grossstadtar-
zt
Die Kollegen versuchen, die hektischen Arbeitsbedingungen zu verbessern. Hier noch Vorschläger für das Blutabehmen an sich:
1. Stauschlauchmodell überprüfen, da gibt es sehr unterschiedlich einfach zu öffnende
2. Angeblich hilft nitrospray applikation auf die vermutete Punktionsstelle, um die Vene vorzubringen
3. Ich nehm bei extren schlechten Venen auch gerne aus der Leist Blut ab, dafür bei bekannt infektiösen PAtienten NUR mit Brille /Schutzbrille (vom Baumarkt)
viele Grüsse
04.03.2007
11:37:00
Peter Laufer
Wir haben die Blutentnahmen "entstresst",indem wir jeden Tag Blutenthahmen durchführen.
Konsequentes einhalten der Blutentnahmen an einem bestimmten Arbeitsplatz und direkt neben den Patienten Abwurfbehältnisse für gebrauchte Kanülen.
Problematische Patienten mit schlechten Venenverhätnissen werden auch an einem der darauffolgenden Tagen wiedereinbestellt,mit der Anweisung den Arm zum Beispiel zu baden.Problematische Blutentnahmen füre meistens ich als Praxisinhaber durch - und versuche es auch in einer ruhigen Minute.(Patient wird zeitlich an diesem Tag nach hinten geschoben)
Die Montage sind traditionell von der Arbeitsbelastung für das gesamte Praxisteam sehr anstrengend.
REDUZIERUNG des "STRESSES" durch vormittags OFFENE SPRECHSTUNDE und nachmittags nur mit TERMINVERGABE + NOTFALLEINSCHIEBUNG(echte Notfälle)
03.03.2007
11:51:00
Anonyma
Als alleinstehende Ärztin (45) kann ich mir den Luxus einer Privatpraxis erlauben - mit einem hohen Anteil gesetzlich versicherter SelbstzahlerInnen, die ich zu erschwinglichen Preisen behandle. Reich werde ich dadurch nicht, aber ich bin mit meinem Beruf, den Aus-Wirkungen meiner stressarmen Arbeit (Höchstzahl PatientInnen pro Tag, kurze Telefonkontakte mit eingerechnet: 30) und mit meinem Leben sehr zufrieden.
Und mir ist sehr bewußt, daß sich von diesen Umsätzen keine Familie ernähren lassen würde :-(
02.03.2007
21:03:00
Anonymus
Montag und Freitag sind die traditionell stärksten Tage der Woche. Seit Anbeginn arbeite ich auch als Anstaltsarzt täglich in einer Justizanstalt. Bis vor vier Jahren ordinierte ich am Montag und am Donnerstag vor- und nachmittags, unterbrochen von je drei Stunden Justizanstalt. Hektik hüben und drüben und immer mehr Unzufriedenheit.
Ich verlegte die Justizzeit Montag und Freitag auf Vormittag und die Ordinationszeit auf Nachmittag. Und siehe: keine Hektik, offenes Ende, anschließende Visiten in jeder Menge willkommen, Zeit für die (oft 130) Patienten in Hülle und Fülle.

Ihr Kommentar:


Name:
Kommentar: