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"Differentialdiagnose Beinschmerzen"

Fehler des Monats 11.2008


Reportnummer:
457
Dieser Bericht erreicht uns aus einer Allgemeinarztpraxis:
Was ist passiert?
Patientin klagt über starke Schmerzen im linken Bein seit 1-2 Jahren. Erzählt, sie sei immer wieder bei Orthopäden geröngt worden, der habe ein LWS-Syndrom festgestellt. Schmerzen seien immer schlimmer geworden trotz Therapie, jetzt seien ein Neurologe und Schmerztherapeut ohne Erfolg eingeschaltet worden. Es existiert in der Akte kein Bericht vom Orthopäden, da Patientin ihren Krankenschein am Quartalsanfang bei Orthopäden abgibt und nicht bei uns dem Allgemeinarzt. Bitte an Orthopäden, Befundbericht zu bekommen, wird mit einem normierten handgeschriebenen angekreuztem Zettel des Orthopäden an die Patientin weitergeleitet. Patientin verzweifelt, deshalb findet in der Praxis eine Untersuchung statt, die linke Hüfte ist stark bewegungseingeschränkt und hoch schmerzhaft. Unter der Annahme die Hüfte sei geröngt worden, wird ein Knochenszinti veranlasst, es findet sich eine massie Anreicherung links, Einweisung der Patientin unter der Diagnose Coxitis. Die aufnehmende Orthopädin macht eine Nativaufnahme und findet eine schwerste Hüftkopfarthrose und Nekrose. Patientin wird nach 1 1/2 Jahren unnützer Analgetika, Neuroleptika, KG etc. mit einer TEP versorgt.
Was war das Ergebnis?
Hinauszögerung der Diagnose, massive Schmerzen und Einschränkung der Lebensqualität der Patientin mit Depression
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Patientin kommt regelmäßig zur Marcumarüberprüfung, gab allerdings Krankenschein immer bei Orthopäden ab, so dass nie eine Zwischenbilanz bzw. ein Zustandsbericht vorlag.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Nachfragen nach Diagnose und Verlauf bei Kollegen, falls Patienten lange erfolglos wegen Schmerzen unterwegs sind. Unverstellter Blick, erneutes Abfragen welche Untersuchungen eigentlich durchgeführt wurden. Komplett neue Anamnese des Krankheitsbildes. Keine Vorwegannahmen der Kollege habe selbstverständlich die Hüfte geröngt.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
jährlich

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Hier wurde eine Diagnose lange nicht gestellt, da den beteiligten Ärzten durch falsche Annahmen der Blick verstellt war (LWS-Syndrom, der Orthopäde hat doch bestimmt die Hüfte geröntgt). Wie gehen Sie mit "Arbeitsdiagnosen" um, den eigenen und den der mitbehandelnden Kolleg/innen?

Zu diesem Fall gibt es auch einen ausführlicheren Gastkommentar. [link]



Kommentare

Hilfe
03.02.2009
18:53:24
Tilley
Wäre denn eine Art Versichertenausweis, wo jeder Arztbesuch eingetragen wird mit Diagnose-Nr., Datum der Röntgenuntersuchung u.ä. (wie in der EX-DDR das SV-Buch) da nicht hilfreich?
23.11.2008
01:04:40
Michel Voss
RCT Primärarztsystem ./. jetziges System identifizieren,
das wäre sinnvoller Auftrag des BA an das IQWIG.
11.11.2008
20:12:48
XY
Ob die erneute Einführung - erst zum Hausarzt/dann zum Facharzt mehr Sicherheit für die Patienten bedeutet und billiger ist??? Oft bastelt der Hausarzt erst mal am Patienten rum, bis er sich dann endlich zu einer Überweisung entscheidet.
11.11.2008
18:11:48
Iris Schluck-
ebier
Da in Deutschland der Hausarzt leider nicht der Lotse seiner Patienten ist, verlieren sich Routinepatienten leider im Praxisalltag schon mal auf der Facharztschiene.

Wenn Patienten nur zu ihren regelmässigen Blutkontrollen (Quick,Blutzucker) erscheinen, muss über das MFA-Team sichergestellt sein, dass keine zweite Blutabnahme erfolgt, ohne dass eine Vorstellung beim Arzt stattgefunden hat.

Eine zusätzliche Sicherheit, dass der Hausarzt auch Facharztinfo seiner Patienten bekommt, wäre wenn jeder Facharzt dem Hausarzt seiner Patienten einen kurzen Bericht zukommen lassen würde.

Noch besser, die Einführung einer klaren Regelung erst zum Hausarzt und von hier zum Facharzt, damit wenigstens ein Arzt Übersicht über die Patienten behält. Ging im Zeitalter der Krankenscheinhefte ja auch. Ärzteshopping kommt unserem Gesundheitssystem teuer zu stehen und in diesem Falle sogar dem Patienten selbst.
04.11.2008
14:09:00
Horst Oswald
In diesem Fall liegen die (vermeidbaren) Fehler auf mehreren Seiten: 1. Die Patientin läßt die KVK primär beim Orthopäden einlesen, daraufhin kein Datenfluß zum Allgemeinmediziner.
2. Der Orthopäde hinterfragt auch nach 1,5 Jahren frustraner Behandlung seine gestellte Diagnose nicht, erneute gründliche körperliche Untersuchung erfolgt nicht.
3. Offensichtlich gestörte Kommunikation Patientin-Hausarzt infolge eingefahrener Verfahrensroutinen.

In einem ähnlichen Fall aus meiner Praxis nach Konsultation von 4 Orthopäden wegen Oberschenkelschmerzen schließlich die Diagnose eines fortgeschrittenen inoparablen Osteosarkoms, Pat. inzwischen verstorben !
03.11.2008
23:04:57
OTS
Danke für den Fall, habe nachgelesen, bei VA auf Hüftkopfnekrose ist Rö bild oft normal , hier ist MRT besser und die Anamnese und das daran denken. Vielleicht heut ein normales Bild ebenfalls Leidensweg bedeutet.
Es gibt kein Alter der Patientin. Wäre es anders, wenn Sie jünger wäre, hätte man (Sie oder ich) eher untersucht?
Ich plädiere für ein Primärarztsystem seit Jahren. Hier hat sich mit Orthopäde und Neurologe und Schmerztherapeut etwas verselbständigt, was den ganzen Mensch aus dem Auge verloren hat. Also Fehler im System? Sie haben beherzt gehandelt.

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