Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

 
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"Krankschreibung"

Reportnummer:
466
Dieses Ereignis wird aus einer Hausarztpraxis berichtet:
Was ist passiert?
Letzte Minute vor Praxisschluss kommt noch schnell eine Patientin ohne Termin. Stört sich erst mal dran, dass die sie sonst behandelnde Kollegin nicht da ist und schon Feierabend gemacht hat. Sie habe Schmerzen und könne unmöglich heute zur Spätschicht gehen. Auf Nachfrage bezüglich des Schmerzes erfahre ich, dass alles wehtut, und das schon seit letzter Woche. In der orientierenden Untersuchung gewinne ich den Eindruck einer demonstrativ leidenden Patientin. Ich entschliesse mich zu einer analgetischen Medikation und schreibe die Patientin missmutig zwei Tage krank. Darauf folgt ein Riesenaufstand der Patientin, dass zwei Tage einfach nur lächerlich seien, was mein Bild bestätigt. Ich trenne mich streitend von ihr.
Was war das Ergebnis?
Am Folgetag sucht sie meine Kollegin auf, anamnestisch "Gliederschmerzen, erhöhte Temperatur, total kaputt". In der Untersuchung massiv vereiterte Tonsillen. Verordnung von Penicillin und Krankschreibung für eine Woche.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Wegen Feierabend, Ärger, vielleicht Vorurteil und dadurch resultierender "Blickdiagnose" war Untersuchung zu oberflächlich.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Bewusstsein von Übertragung/Gegenübertragung. Selber bei Systematik bleiben.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Kommunikation, Patient, Ausbildung und Training
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
monatlich

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Eine Patientin kommt mit Schmerzen ohne Termin, erscheint nörgelig und demonstrativ krank. Damit ist möglicherweise schon gebahnt, dass Anamnese und Untersuchung genau in diese Richtung gehen: Diese Patientin will krankgeschrieben werden und kann demzufolge nicht wirklich krank sein.
Dies ist eine mögliche Erklärung für das beschriebene Ereignis. Was meinen Sie dazu? Und: Gibt es "Gegenmittel"?

Zu diesem Fall gibt es auch einen ausführlicheren Gastkommentar. [link]



Kommentare

Hilfe
04.02.2009
14:03:48
Anonyme Arzt-
helferin
Das kenne ich nur zu gut aus unserer Praxis. Viele Patienten kommen zu den unmöglichstens Zeiten vorbeigesaust, um noch eine Krankmeldung zu bekommen, da sie ja "solche Schmerzen überall" haben. Oftmals sind es einfach nur Leute, die keine Lust zum Arbeiten haben. Wenn dann allerdings einer von ihnen wirklich ein Problem hat, wird dieses leicht im Stress übersehen.
07.01.2009
20:04:45
nasebi
Den Ärger über die "unverschämte" Patientin kann ich gut nachvollziehen. Deshalb noch eine Anregung in eine andere Richtung: Die eigenen Grenzen des Arztes / der Ärztin sollten auch geachtet werden. Genervt von PatientInnen und/oder Angehörigen werde ich ja vor allem dann, wenn ich das Gefühl habe "jetzt ist aber auch mal Schluss, ich bin jetzt auch mal dran" - zum Beispiel mit meinem Feierabend. Insofern neben der eigenen Ermahnung zur Sorgfalt auch die Frage: Wie kann ich vermeiden, dass ich im Alltag "gezwungen" (?) bin, über meine (Belastungs-)Grenzen zu gehen?
(ich hoffe, es ist verständlich, was ich meine)
15.12.2008
16:19:02
Allgemeinärz-
tin
@ ostschweizer

Nein, die Allgemeinärztin hatte vor der "Arztschule" schon klinische Psychologie studiert und eine psychotherapeutische Zusatzausbildung. Deshalb.
Balint- Gruppe kann ich auch empehlen.

Freundliche Grüße
13.12.2008
09:05:22
ostschweizer
Nach einer vor Jahren publizierten Studie sind Kommunikationsprobleme und Beziehungsstörungen zwischen Ärztin/Arzt und Patient/in (so wie in diesem Beispiel) in mehr als der Hälfte der untersuchten Fälle Ursache von Behandlungsfehlern. Aus persönlicher Erfahrung empfehle ich den regelmässigen Besuch einer BALINT-Gruppe, wo solche Störungen systematisch aufgearbeitet werden und das eigenen Sensorium geschärft wird. Ist vielleicht die "Allgemeinärztin" schon in einer BALINT-Arbeit eingebunden?
08.12.2008
16:27:55
Allgemeinärz-
tin
Ja, das ist der klassische Fall von Übertragung und Gegenübertragung.

Ich gebe mir in solchen Situationen immer einen Ruck und sage: He, das ist Gegenübertragung, was du jetzt gerade machst! Also kurz innehalten, "tief Luft holen" und bewusst nicht so reagieren, wie man eigentlich reagieren möchte. Ich weiß, das ist mitunter schwer...

Wir haben übrigens immer eine halbe Stunde vor Praxisschluss "Anmeldeschluss", das heißt, die Tür wird zugeschlossen. Damit wird das verhindert, was in dem geschilderten Fall eingetreten ist: eine Minute vor Feierabend schneit noch jemand herein.
Klar, dass man sich nach einem arbeitsreichen Tag darüber nicht freut...man will ja auch irgendwann nach Hause.

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