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"Große Aufregung"

Veröffentlicht/Dokumente:   praxisnah  

Reportnummer:
537
Dieses Ereignis wird aus einer Hausarztpraxis berichtet:
Was ist passiert?
Eine Mitte-80-jährige Patientin regte sich so über eine ca. 30-minütige Wartezeit auf, dass sie im Verlaufe einer Auseinandersetzung mit der zuständigen MFA einen Herzinfarkt erlitt.
Was war das Ergebnis?
Der medizinische Supergau: Einleitung erforderlicher Notfallmaßnahmen. Notfalltransport in die Klinik. Stationäre Krankenhausbehandlung.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Die Patientin ist seit vielen Jahren in unserer Praxis bekannt. Sie ist extrem schwerhörig, was die Kommunikation mit ihr sehr erschwert. Sie stellte sich in der Notfallsprechstunde vor und klagt über Luftnot und Schmerzen im Brustkorb. Normalerweise werden Patienten mit diesem Beschwerdebild umgehend in einen Behandlungsraum geführt und ein EKG wird von den Mitarbeiterinnen angefertigt. Bei dieser Patientin reagierte die diensthabende MFA nicht weiter beunruhigt über das geschilderte Beschwerdebild, da genannte Patientin sich mindestens 3-4 Mal im Quartal mit diesen oder ähnlichen Beschwerden in der Akutsprechstunde vorstellt. Wichtig zu wissen ist, dass die Patientin sich oft sehr einsam fühlte, da ihre Angehörigen außerhalb wohnen und sich nur sporadisch um sie kümmern und sie sich dann gerne in unseren Praxisräumen aufhält. Im Team löst die Patientin aufgrund der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeit und ihrer manchmal recht hohen Anspruchshaltung Widerstände aus.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Ja. Durchführung eines EKGs. Patienten auch dann ernst nehmen, wenn sie anstrengend oder gar nervig sind.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Kommunikation, Patient, Team und soziale Faktoren
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Diesen interessanten Bericht würden wir gerne zum Anlass nehmen, über den Umgang mit schwierigen Patienten zu diskutieren. Schon häufiger wurden hier Fälle berichtet, bei denen Patienten, die wiederholt mit - eher banalen -Beschwerden kamen, sich dann doch mit einem sehr ernsthaften Krankheitsbild vorstellten, das verkannt wurde (s.a. Bericht Nr. 382).

Hier kommen noch einige Zusatzinformationen vom Berichtenden:

Die Patientin hatte seit Jahren einen hohen RR mit Werten um 190/100 und auch mal 200/120. Blutfette sind ebenfalls recht hoch, sie ist also Risikopatientin. An diesem Tag hat sie sich so aufgeregt, dass sie ihren ersten Infarkt bekam.
Patientin lässt sich i.d. Regel einen Termin geben, kommt aber auch in die Notfallsprechstunde. Sie ist sehr ungeduldig und erwartet, dass sich umgehend jemand um sie kümmert. Hat sie z.B. um 10h einen Termin, so ist es schon vorgekommen, dass sie pünktlich die Tür des Behandlungszimmers aufmacht und stattfindende Untersuchungen stört. Wenn sie in die Notfallsprechstunde kommt, dann nicht unbedingt wegen akuter Beschwerden, sondern weil kein Termin frei war.
Als sie sich nun vorstellte, gab sie Bescherden wie Luftnot und Druckgefühl i.d. Brust an. Das hat sie aber schon häufiger gemacht, wenn sie ihrer Meinung nach zu lange gewartet hat und wir haben die Patientin dann oft vorgezogen und EKG usw. durchgeführt. Fast jeder bei uns im Team hatte bei ihr das Gefühl, dass man veräppelt wird.
Die Patientin war in der Teamsitzung noch nicht Thema gewesen, wir hatten uns nur untereinander ausgetauscht. Auch die Ärzte waren oft verägert. Es hat sich aber auch keiner mit ihr auseinandergesetzt, weil man immer so schreien muss, denn sie trägt auch ihre Hörgeräte nicht.



Kommentare

Hilfe
11.09.2020
09:27:21
Patientin
Ich wundere mich sehr über die hier abgegebenen Kommentare, diese Dame war vielleicht einfach nur hartnäckig weil sie tatsächlich erhebliche Beschwerden hatte. Für mich als Leserin stellt sich das eher so dar, dass die Patientin schon längere Zeit immer wieder entsprechende Beschwerden hatte und nicht ernst genommen wurde, sogar als lästig empfunden wurde. Diese Möglichkeit zieht hier nicht einer der Kommentatoren auch nur in betracht, obwohl deutlich beschrieben wird, das die Patientin immer wieder mit ähnlichen Beschwerden in der Praxis war und der ernst der Lage schlicht nicht erkannt wurde. Kommt auch nur einer hier einmal auf die Idee, das diese Frau verzweifelt war weil sie nicht ernst genommen wurde und als die Beschwerden akut wurden, sich aus Angst wieder nicht ernst genommen zu werden, derart aufgeregt hat, das sie einen Herzinfarkt erlitt?
Ich lese hier schon länger mit und muss immer wieder lesen, wie oberflächlich hier immer wieder über das Verhalten von Patienten geurteilt wird und es entsetzt mich.
Mir ist selbst etwas ähnliches passiert, jahrelang wurden meine Beschwerden nicht ernst genommen, als sich dann wenigstens einmal ein Arzt erbarmte wenigstens ein paar Befunde zu erheben, wurden diese heruntergespielt und ich weiterhin in die "Psychoecke" gestellt. Heute habe ich schlimmste Folgeschäden.
24.08.2010
22:22:45
Chir
Kann mir nicht vorstellen, dass es sich für solche Situationen eine Lösung finden lässt. Ja, sicherlich sollte man immer aufmerksam und geduldig an seine pat. wenden und sich immer wieder besonders im Stress an die eigene Nase fassen, ob man den wirklich sachlich, überlegt und verständnissvoll reagiert hat.

Auf der anderen Seite gibts halt so Leute wie die beschriebene Dame. Alleine schon das ewige nicht-das-Hörgerät-tragen macht einen mürbe.
Ich erinnere mich an Gespräche die in: "SIE HABEN KREBS!!" "Was?" "KREEEEBS!!!" "Was? Ich versteh Sie so schlecht" endeten.
Und nein, Aufschreiben hilft bei Maculadegeneration auch nicht, wie soll man da irgendwas vernüftig kommunizieren?
Und dann auch noch so komplexe Inhalte wie Einsamkeit, metabolisches Syndrom, Störung der Praxisabläufe durch auffälliges Verhalten etc.


Da empfinde ich dann Rufe nach "Lösungsmöglichkeiten für Kommikationsprobleme" als ziemliche Worthülsen.


02.08.2010
14:01:45
Geschockt üb-
er fehlende
Sachlichkeit
Es wurde vorab versäumt die Kommunikationsstörung mit Patientin zu beheben bzw. eine Lösung zu finden. Demnach trifft sehr wohl eine Teilschuld des Praxispersonals zu. Lapidar evt. Betroffenheit, Schuldgefühl oder ähnlichem (auch weninger "guten" oder moralisch korrekten Empfindungen) als vorrangig zu bewerten finde ich persönlich schlecht weg eine Situation unsachlich zu minimieren. Danke für den Beitrag, Hut ab! Es sind hier doch alle alt genug um sich nicht in falsch verstandener Gruppendynamik einzufinden.
02.06.2010
22:07:14
5153
Wer 10 x schreit "es brennt", der wird von seinen mitmenschen nicht mehr ernst genommen und irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, da es wirklich brennt.

Aber keiner glaubt das noch. Und das Haus brennt ab. Leider. Wer trägt dafür die Verantwortung ?

Aber doch bitte nie und nimmer die MFA !!
19.05.2010
05:50:33
Einfacharzt
Ein Patient, der vorsätzlich und boshaft in meine Sprechstunde platzt, der fliegt raus. Egal wie alt er( sie ) ist, selbst wenn der nächste Arzt erst 20 km weiter entfernt sitzt.
Nur weil wir Ärzte sind, müssen wir uns noch lange nicht alles bieten lassen.
Insofern wäre ich wohl mit dieser Patientin nie in diese Situation gekommen.
19.04.2010
17:05:49
Sani
Der Klassiker: Die Patientin zieht gerne mit ihren (ähnlichen) Beschwerdebildern die Aufmerksamkeit auf sich, was letztlich dazu führt, dass sie nicht mehr ernstgenommen wird.
Der ausschlaggebende Faktor für den Infarkt darf aber nicht bei der MFA gesucht werden, schließlich hätte jede andere Form der Aufregung zum gleichen Ergebnis führen können.
19.04.2010
07:32:28
Allgemeinärz-
tin
Ja ja...die fordernden (z.T hypochondrischen) Patienten, die ständig wegen banalen Beschwerden beim Arzt aufschlagen, wissen gar nicht, wie gefährlich sie damit eigentlich leben... (*g*)

Beim vorliegenden Fall würde ich sagen, ist echt "Hopfen und Malz" verloren. Die Patientin kann man hinsichtlich ihrer Verhaltensweisen nicht mehr groß ändern. Wobei...wenn ich mir das so durchlese, müsste man ja fast noch eine psychiatrische Diagnose ausschließen (querulatorisches Verhalten bei beginnender Demenz????)

Am Herzinfarkt der Patientin gar "schuld" zu sein, weil man ihr "die Möglichkeit gegeben hat, sich aufzuregen" oder so, würde ich mir aber ganz schnell abschminken. Das ist echt zu weit hergeholt.

17.04.2010
10:41:35
Barbara L.
Als ich den Bericht ohne die zusätzliche Erläuterung las, dachte ich zunächst, dass dieser Fehler (bzw. die Verzögerung der Diagnostik) relativ einfach vermeidbar gewesen wäre. Nach der Lektüre revidierte ich, dass mir das auch sehr leicht hätte passieren können mit einer Einschränkung: Ich hätte die Weiterbehandlung dieser Patientin schon vor Jahren abgelehnt (sollte es sich nicht um eine Landarztpraxis ohne Behandlungsalternativen handeln).
Störungen wie mehrfaches Eindringen während der Untersuchung anderer Pat. sind Gründe genug (nachhaltiger Vertrauensverlust bzw. die Störung des Arzt-Pat.-Verhältnisses).

Prinzipiell: Auch Nervensägen sterben einmal bzw. werden schwer krank. Wieso schließt der Berichtende eigentlich aus, dass die thorakalen Beschwerden der Pat. nicht diesmal wirklich da waren, also der Infakt erst aufgrund der Aufregung eingetreten ist? Umgekehrt: Jemand, der aufgrund Aufregung einen Myokardinfarkt erleidet, hat bereits eine KHK, was bedeutet, dass schicksalshaft der Infarkt auch bei anderen tägliches Ereignissen wie Autohupen, etc auftreten kann.
Abgesehen davon: Jemand mit einer solchen Persönlichkeitsstruktur streitet sich doch mit Hinz und Kunz, insofern steckt das Team einer Arztpraxis den Vorwurf, einen Infarkt "veursacht" zu haben sicher besser weg als z.B. die 66-jährige Nachbarin, die sich seit Jahren gegen die Dame wehrt.
Bitter ist nur, dass ein Gutachter oder Richter das anderes sehen könnte.
16.04.2010
22:32:11
Assistenzarzt
Ich kann mich meinem Vorkommentator anschliessen. Die Patientin brachte neben den organischen Risikofaktoren auch ein für einen Herzinfarkt entsprechend risikobehaftetes Persönlichkeitsprofil mit, der über kurz oder lang einen Herzinfarkt wahrscheinlich macht. Insofern kann man dankbar sein, dass sie dann ohne Zeitverlust gleich versorgt werden konnte. Die Umstände der Auslösenden Situation sind ein außerordentliches Pech.
16.04.2010
09:37:32
Allgemeinmed-
izin OF
Offensichtlich hat sich da schon jeder im Team über diese Patientin geärgert und prompt passiert auch etwas. Andererseits hätte sie möglicherweise den Infarkt auch bekommen können, wenn sie sich zu Hause beim Fernsehen über etwas geärgert hätte und so war sie wenigstens in der Praxis und man hat ihr helfen können. Ich kann die Reaktion der MFA gut verstehen. Wenn jemand immer drängelt, dann geht der Schuß auch mal nach hinten los.

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