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"Notfall am Telefon erkennen"

Fehler des Monats 04.2013


Reportnummer:
719
Diesen Bericht erhieleten wir aus einer Praxis.
Was ist passiert?
Gemeinschaftspraxis, GP-Partner im Urlaub, Montagmorgen, Grippewelle!
Patient spricht eingeschränkt Deutsch. Nett, bekannt, chronisches Schmerzsyndrom bei Z.n. Bandscheibenvorfällen, auf Grund dessen erwerbsunfähig.

Patient meldet sich telefonisch. Er habe seit zwei Tagen zunehmende wechselnde Kribbelgefühle und Lähmungserscheinungen in den Extremitäten. Ob er heute noch kommen könne. MFA teilt mit, dass kein Termin mehr frei sei und er mit Wartezeit kommen könne.

Er kommt und setzt sich ins Wartezimmer. Nach 1,5 Stunden im Wartezimmer wird der Patient von mir untersucht und auf Grund neuer diffuser neurologischer Defiziten ins KH/Neurologie eingewiesen.
Der Patient möchte erst nach Hause. Kann aber selber nicht ins 20km entfernte KH, da niemand ihn fahren könne. Ich erkläre mich bereit, die Leitstelle zu informieren, dass der Patient einen Krankentransport erhält.
Leider vergesse ich das Telefonat! Bemerke dies am Mittag. Patient hat sich in dieser Zeit selbst einen RTW organisiert und ist im KH.
Nach zwei Wochen WV in meiner Sprechstunde.
Patient hatte einen medialen Bandscheibenvorfall der HWS mit Tetraplegie. Nach Not OP (3 Tage nach KH Aufnahme) jetzt nahe zu beschwerdefrei.
Was war das Ergebnis?
Patient:
- Erreicht bei unklarem neurologischem Defizit verspätet das Krankenhaus.
- Fühlt sich im Stich gelassen.
- Äztliche Kollegen raten ihm zur Klage.

Mich/Praxis:
- Betroffenheit, zeigt mir Organisationsfehler auf, MFA müssen am Telefon geschult oder aufgefrischt werden.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
1. Überforderung von MFA und Arzt.
2. Fallstricke bereits am Telefon erkennen und filtern. Notfälle definieren!
3. Möglichkeit der Delegation von Aufgaben auch im Notfallmanagement.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Ja. Praxisabläufe an Umstände anpassen. MFA schulen. Delegationen als Standards einüben. Fallstricke auch für das Telefon definieren.
Versuchen, Überforderung zu verhindern, ggf. Teamabsprache im Moment der Überforderung.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Organisation, Ausbildung und Training, Aufgabenverteilung
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Stress in der Praxis, am Telefon wurde der Patient nicht als Notfall erkannt, dazu noch ein vergessenes Telefonat...

Haben Sie einen Telefonleitfaden, um Notfälle heraus filtern zu können?
Wie gehen Sie mit Notfällen in der Praxis um? Delegieren sie die Aufgaben? Verwenden Sie Checklisten, Ablaufpläne? Üben Sie regelmäßig solche Abläufe gemeinsam mit dem Team?



Kommentare

Hilfe
10.01.2020
10:14:26
Student Goet-
he-Uni
Als Studenten im 3. Semester haben wir uns mit dem Fall beschäftigt. Dabei haben wir uns einen möglichen Verbesserungsvorschlag überlegt: Wie wäre es, wenn anstehende Aufgaben über das Computersystem oder eine App mit Erinnerungsfunktion eingetragen werden. So können Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zum Beispiel an Anrufe erinnert werden und diese somit besser planen.
02.09.2013
14:24:25
Arzt,anonym
Habe früher in der Ausbildung gelernt: Ein Bandscheibenprolaps mit auftretender Lähmung (und vielleicht sogar Blasen-/Mastdarm-Störung) ist ein dringlicher Notfall und muß unverzüglich(!) diagnostiziert und operiert werden. Seit etlicher Zeit ist man ja mit der Op.-Indikation bei Bandscheibenprolaps zurückhaltender geworden, da die Ergebnisse oft nicht zufriedenstellend waren. Das hat meiner Ansicht nach aber - selbst bei manchen WS-Experten - zu einer zu starken Zurückhaltung hinsichtlich Op. geführt. Habe den Eindruck (gilt nicht in diesem geschilderten Fall), das Kollegen hier zu sehr aktuellen Empfehlungen von Fachgesellschaften folgen und zu wenig bedenken, was eine Lähmung im Leben eines Menschen bedeutet!
16.05.2013
18:17:47
alh
Ich muss hier auch nochmal die Aussage von ms aufgreifen: Die MFA hat hier meiner Meinung nach keinen Fehler gemacht, insofern finde ich es schon ganz schön dreist vom Berichterstatter, seiner Angestellten hier noch Mitschuld zuschieben zu wollen. Ich hoffe, die Dame lässt sich das so nicht gefallen.

Ansonsten aber sehr hilfreicher Bericht meiner Meinung nach.
18.04.2013
10:37:10
Allgemeinärz-
tin
Ich stimme "MV" völlig zu.

Die "Not- OP" war definitiv keine. Klagegründe sehe ich überhaupt nicht.
11.04.2013
13:05:46
MR Dr Helmut
Lang
es wurde aus der Sache etwas gelernt- im Prinzip ist in der Praxis nicht alles vermeidbar, auch in der Machbarkeit liegen Grenzen, auch in der Praxislogistik.
05.04.2013
00:11:24
3005
Noch etwas. Es gibt das Manchester Triage System.
Web-Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Manchester-Triage-System
http://www.ersteinschaetzung.de/content/entwicklung-des-mts

Vielleicht kann das Institut für Allgemeinmedizin hierzu noch weitere Informationen bereit stellen ? So etwas wie eine "Notfallcheckliste" für die MFA an der Anmeldung ?
05.04.2013
00:04:09
3005
MV sagt das meiste.

Es ist ja so einfach, als 2. oder gar 3. Kollege in der Reihe, die den Patienten sahen, alles besser zu wissen.

"Patient möchte erst nach Hause" - das kennen wir doch alle. Und nachher ist der Arzt schuld, wenn der Patient deshalb zu spät ins KH kommt ....

Sollte der Rettungsdienst den Patienten in der Praxis abholen, dann zu Hause helfen die Sachen packen und dann ins KH fahren ? Bei uns macht das DRK so Mätzchen nicht mit ! Beim Schwerstkranken, der zu Hause abgeholt Hilfe beim Packen ja, aber nicht aus der Praxis abholen, nach Hause fahren und dort packen ! Wer noch nach Hause zum Packen kommen kann, der kann auch selbst für den anschließenden Transport ins KH Sorge tragen. Man muss nicht alles mitmachen. Wenn Angehörige da sind, dann sollen die doch die Sachen zu Hause zusammen packen und dem Patienten ins KH hinterher fahren !! Der Patient fährt - so erforderlich - direkt von der Praxis ins KH. Wenn er das anders haben will, dann tut er das auf seine eigene Verantwortung !! Und das kommuniziere ich auch !!

Die KH-Kollegen erfahren das vom Patienten natürlich nicht. Dort erzählt der Patient "War bei Hausarzt. Habe gewartet 2 h. Dann habe gewartet 3 h auf Krankenwagen. Hat lange gedauert ...."

Dass Kollegen dann auch noch zur Klage raten, das ist schon sehr erstaunlich angesichts der nahezu vollständigen Wiederherstellung bereits 2 Wo post OP.

Wichtig ist dennoch, dem Patienten das Mitgefühl für die schwere Erkrankung auszudrücken und das Bedauern ob des vergessenen Telefonats. (Man kann das durchaus einräumen, Fakten muss man nicht bestreiten. Nur eine Schuld am Verlauf darf man nicht anerkennen). Und dann vielleicht noch der Satz: "Sie haben ja selbst gesehen, dass an diesem Morgen sehr viel Patienten da waren."

Was hätte es am Verlauf geändert, wenn der Patient 2-4 Stunden früher im KH gelandet wäre ?
04.04.2013
21:14:03
GB
Einen echten Fehler, der zu einer für den Patienten schwerwiegenden Verschlechterung geführt hat, kann ich nicht erkennen. Klar, das vergessene Telefonat ist ärgerlich, aber der Patient hat sich selber zu helfen gewusst, hätte allerdings ja auch in der Praxis nachfragen können. 1,5 Std Wartezeit, wenn alle Termine vergeben sind gehören dazu. In einer orthopädischen Praxis hätte der Patient sicher 3-4 Std zugebracht. Wenn die OP eine "Notoperation" gewesen wäre, dann wäre sie am gleichen oder spätestens am nächsten Tag erfolgt.
Auch wir Ärzte sollten die Schuldzuweisung an uns nicht übertreiben.
04.04.2013
16:45:17
ms
Meiner Meinung nach ist das kein Fehler der MFA - diese hat den Patienten ja nicht abgewiesen , sondern ihn in die Sprechstunde geladen - mit Wartezeit - das ist völlig in Ordnung. Den einzigen Fehler hat der behandelnde Arzt begangen, weil er das Telefonat vergessen hat -kann passieren - aber bitte nicht auf die Mitarbeiterinnen schieben (von wegen schlecht geschult) !!!
04.04.2013
13:22:46
MV
1. "Not OP (3 Tage nach KH Aufnahme)": Wieso ist das eine Not-OP, wenn er doch erst nach 3 Tagen operiert wurde?
2. "Bandscheibenvorfall der HWS mit Tetraplegie... , jetzt nahezu
beschwerdefrei." Die Angaben des Patienten müssen übertrieben sein. Wahrscheinlich drohte ihm das nur, falls die OP weiter verzögert worden wäre. Er möchte mehr Zuwendung, und Sie nicht unbedingt verklagen - "Fühlt sich im Stich gelassen." Ein dauerhafter Schaden ist ihm ja nicht entstanden.
3. Ich würde ihm einen langen Termin außerhalb der Sprechstunde einräumen, wo er seinen Leidensweg ausführlich darstellen kann, mich für meine Überforderung wegen der Grippewelle - ohne formelles Schuldanerkenntnis - entschuldigen und ihm die Adresse der Gutachterstelle für ärztliche Behandlungsfehler der zuständigen Ärztekammer in die Hand drücken.
Den kopierten Adresszettel der Gutachterstelle habe ich schon vielfach überreicht. Diese hat mich in 26 Jahren aber noch nie angeschrieben. Und das, obwohl ich auch schon einmal einen Herzinfarkt nicht erkannt habe, der 1 Std. später zum plötzlichen Herztod führte und ich mich nur noch bei den erwachsenen Kindern entschuldigen konnte, s. Report 435.

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