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"Dringlichkeit nicht ausreichend kommuniziert?"

Fehler des Monats 02.2014


Reportnummer:
744
Diesen Bericht erhielten wir aus einer Praxis.
Was ist passiert?
Knapp 60-jähriger Patient, sieben Jahre nicht beim Arzt gewesen, klagt über langsam zunehmende Schmerzen der oberen BWS.
BWK 4/5 klopfempfindlich, schmerzbedingte Bewegungseinschränkung besonders bei Rotation.
Verdacht auf Wirbelfilia ohne bekannten Primärtumor.
Überweisung zum CT der BWS.

Patient geht nicht zum Röntgen.
Kommt erstmals nach 1,5 Jahren mit geschwollenem rechtem Bein wieder in die Praxis.
Einweisung mit Verdacht auf tiefen Beinvenenthrombose.
Entwickelt im Krankenhaus eine Tetraparese als Folge einer Wirbelmetastase eines Prostata-CA.
Was war das Ergebnis?
Patient sitzt seitdem im Rollstuhl.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Red flag war frühzeitig da.
Patient hat Kopf in den Sand gesteckt - und ich habe ihn leider auch aus den Augen gelassen.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Patient offenbar nicht nachdrücklich genug auf Notwendigkeit weiterer Untersuchungen hingewiesen.
Offenbar hat er selbst die Bedeutung der Warnzeichen ignoriert.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Kommunikation, Patient,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
jährlich

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Ein Patient wurde zum CT überwiesen, nahm den Termin aber nicht wahr - mit schweren Folgen.

Wie kommunizieren Sie die Dringlichkeit einer weiteren Untersuchung?
Vereinbaren Sie sofort einen Folgetermin und reagieren z. B. bei Nicht-Wiedervorstellung?



Kommentare

Hilfe
08.08.2020
08:36:33
3535
7 Jahre nicht beim Arzt gewesen heißt ja auch, dass man vermutlich nur bedingt einschätzen kann, wie seine Beziehung zu seiner Gesundheit ist (d.h. ob er panisch alles macht was geht, oder eher dazu neigt, es bei der nächsten Besserung schleifen zu lassen, bzw. aus Angst vor dem CT nicht hinzugehen).

Es ist nicht immer leicht, den richtigen Ton zu treffen (Patienten nicht mit Verdachtadiagnosen verunsichern, gleichzeitig sicherstellen, dass er dranbleibt). Eine Möglichkeit ist: "Um XY auszuschließen, gehen Sie bitte zum CT".

13.02.2014
20:28:54
Braun
Hut ab vor dem diagnostischen Gespür des Kollegen. Ich gehe davon aus, dass er dem Patienten zu verstehen gab, dass die vorgeschlagene CT-Untersuchung wichtig ist. Aber er muss ihm nicht nachlaufen. ich sehe keinen Fehler und kein Verschulden.
06.02.2014
21:13:59
3003
Ich bin ja jetzt schon der 7. Kommentator.

1) Ich finde diesen Bericht einen hervorragenden, zeigt er doch sehr deutlich unsere Unzulänglichkeiten sowie die unserer Patienten auf.

2) Ohne weitere Informationen würde ich da - ganz spontan - erst einmal sagen "manche Patienten sind eben so wie sie sind". Manchmal einfach "nicht wahrhaben wollend". Denn eine rechtzeitige operative Stabilisierung des betroffenen Wirbelsegments hätte diesem Patienten das Sitzen im Rollstuhl noch eine ganze Weile (Jahre ?) hinausschieben können.

3) Jeder Mensch ist SEINES Glückes Schmied !! Nicht wir müssen die Menschen schmieden, die zu uns kommen !! Dennoch beschleicht auch mich in ähnlich gelagerten Fällen ebenso ein ungutes Gefühl wie manch anderen hier !! "Man kann" durchaus einen Termin (in der eigenen Praxis) in 2-4 Wochen vereinbaren und/oder nach haken, wenn der Patient nicht zum vereinbarten Termin kommt. Das macht Mühe, lohnt dennoch. Oder im Terminkalender der Praxis einen Vermerk machen, hier bei diesem Patienten nach zu sehen, wie der Stand in xy Wochen ist. Das machen meine MFA"s gerne für mich, haben sie doch das Gefühl auch dem Patienten damit etwas Gutes zu tun. Die Patienten waren dafür bislang immer dankbar und ich habe auch etwas weniger oft ein komisches Gefühl im Bauch.

4) Ich befürchte, dass eine juristische Beurteilung vom Hausarzt hier möglicherweise durchaus etwas mehr Fürsorge für seinen (medizinisch unwissenden) Patienten erwartet würde.
06.02.2014
19:48:29
May
Eine Problem ist es doch bei solch schweren Verdachtsdiagnosen, den Patienten bei seinem "Stand" azuholen und ihm die weiteren Schritte und dessen Notwendigkeit verständlich zu machen.
Mitunter mag es als Hausarzt schwierig sein, einem älterem Patienten mit Rückenschmerzen die Notwendigkeit einer Untersuchung mit hoher Strahlenexposition (=CT) verständlich zu machen. Zugegebener Maßen, hätte er hiermit nicht ganz zu Unrecht Schwierigkeiten gehabt, da es durchaus wahrscheinlichere DD gegeben hätte, als die Verdachtsdiagnose Knochenmetastasen (=absoluter Worst Case für den Pat.).
Ohne die Gründe für die fehlende Motivation zu kennen, hätte möglicherweise ein etwas defensiveres Vorgehen mit (stätiger) Exskalation der diagnostischen Schritte zum Ziel geführt. Ob die ohnehin schlechte Prognose hierdurch beieinflusst worden wäre sei dahingestellt.
Und um die Frage etwas präziser zu beantworten: Es kann nicht die Aufgabe des Arztes sein, den mündigen Pat. zu überreden.
06.02.2014
12:51:22
CK
Ein Grundproblem wird ersichtlich . Wir überschätzen uns selbst. Da wird eine hervorragende Verdachtsdiagnose ( s Kommentar,Müller ) gestellt, auf die besondere Bedeutung/ Dringlichkeit der Untersuchung wird hingewiesen. Nun ist der Patient aufgefordert, aktiv zu werden. Er ist mündig. Auch in unserer Praxis würde versucht werden, aktiv einen CT Termin zu organisieren , um die Wege zu ebnen. Aber auch dies hätte den Patieneten möglicherweise nicht bewogen, die Untersuchung wahrzunehmen .
Einen großen Teil unserer Arbeitszeit investieren mein Team und ich in die Übermittlung wichtiger Nachrichten an die Patienten , anstehende Untersuchungen, Impfungen, Labortermine, Überweisungen, kontrolltermine. Oft sind 2 oder 3 Anrufe notwendig, wir haben sogar Kärtchen drucken lassen mit der Info " Bitte melden sie sich in der Praxis ".
Eine wiedervorlage oder Kontrolle darüber, ob die Infos auch befolgt werden ist bei ca 1000 Menschen , die wir durchschnittlich im Quartal betreuen, schlichtweg nicht möglich. Darüber habe ich viel nachgedacht. Unsere Patienten sind mündig oder haben einen Betreuer . Die Gesellschaft überschätzt unsere Möglichkeiten. Wir überschätzen uns in unserem umfassenden Anspruch an uns selbst für jeden in jeder Hinsicht zuständig und verantwortlich sein zu müssen und zu können. In bestimmtem Aspekt sind wir Dienstleister, angewiesen auf die Kooperation des Patienten.
Ich sehe hier kein organisationsverschulden, ich sehe hier keinen Fehler.
05.02.2014
21:58:01
leyla
Wenn ich den Verdacht habe auf so eine schwerwiegende Erkrankung machen meine Mitarbeiter schon gleich einen Termin für den Patienten- wenn der Pat das wünscht. Oft willigen diese ein , weil das Zeit spart. Aber sowas passiert leider! Ist mir auch schon passiert!
05.02.2014
17:09:24
Schleppegrell
Solch einen fall retrospektiv als evtl Versäumnis zu werten , ist emotional nachvollziehbar, geht aber zu weit. Anmerkung : ct Termin direkt vereinbaren und 3 Tage später direkt für die Sprechstunde vorsehen , mehr kann man nicht tun!
05.02.2014
16:56:58
seldom
Der Arzt hat klar gemacht, daß weitere Untersuchungen nötig sind und es dem Patienten schriftlich gegeben (Überweisung). Patient geht nicht zur weiteren Untersuchung. Das ist seine Entscheidung. Offenbar wollte er nicht. Das hat vielleicht auch sein Gutes: 1,5 Jahre weiter gelebt ohne durch die Medizinmaschine gedreht zu werden, die an seinem Schicksal möglicherweise auch nichts groß hätte ändern können....

Und: Was heisst denn: "Nicht ausdrücklich genug auf die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen aufmerksam gemacht ?"

In letzter Konsequenz würde das bedeuten auch bei einer geplanten Blutabnahme wegen leichtem Vertigo zu sagen: "Liebe Frau Müller. Wenn Sie nicht zur Blutabnahme kommen, könnte ein evtl. vorhandener sehr bösartiger Gehirntumor mit Lebermetastaen unentdeckt bleiben. Ihnen droht das Schlimmste."

05.02.2014
16:43:03
Müller
... Wie kommt man bei dem Befund auf "Verdacht auf Wirbelfilia ohne bekannten Primärtumor."...?

MfG

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