Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen

 

 
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"Hypoglycämie durch "Austauschpräparat""

Reportnummer:
913
Diesen Bericht erhielten wir aus einer hausärztlichen Praxis.
Was ist passiert?
Bei der Verordnung der Dauermedikation eines Typ-2-Diabetikers ohne Insulinpflicht bietet das HzV-Model des Praxisverwaltungssystems (PVS) der MFA ein preiswerteres Medikament aus einer Auswahlliste im HzV-Modul an.
Konkret sollte das Wiederholungsrezept auf Janumed (Kombinationspräparat aus Metformin 1000 mg und Sitagliptin 50 mg) ausgestellt werden. Die Auswahlliste enthält aber Antidiabetika verschiedener generischer Gruppen, also nicht nur gruppengleiche Präparate und das System schlägt u.a. im Austausch für Janumed Glimepyrid 4 mg vor.
Die geöffnete Austauschliste lässt sich nur durch mehrfaches (lästiges) Klicken schließen und die langjährige Mitarbeiterin wählt versehentlich das Glimenpyrid 4 mg Präparat aus.

Das Rezept wird der Ärztin an der Anmeldung zur Unterschrift vorgelegt, die nicht erneut einen PC aufsucht um die Richtigkeit der Verordnung nochmals zu überprüfen.
Die Unterschrift auf dem Rezept erfolgt, weil in der Praxis die Regelung festgelegt ist, dass nur Wiederholungsrezepte durch Mitarbeiterinnen ausgedruckt werden dürfen, keine Neuverordnungen. Wiederholungsrezepte sind in unserer PVS ganz einfach durch Markieren der letzten Verordnung und Drücken der Taste "W" zu erstellen, da kann normalerweise gar kein anderes Präparat auf dem Rezept erscheinen.
Was war das Ergebnis?
Der Patient bemerkt bei schwerer körperlicher Arbeit die Symptome einer heftigen Hypoglycämie und kann sich durch Trinken einer größeren Menge frischer Milch helfen und die Hypoglycämie beherrschen. Das Ereignis hätte ohne das schnelle Handeln sicher schwerwiegender verlaufen können.
Der Patient berichtet nach dem Ereignis, dass er durch den wiederholten Austausch generischer Präparate mit ständig anders aussehenden Medikamentenschachteln verunsichert sei und gedacht habe, er habe es erneut mit einem anderen Generikahersteller zu tun.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
a. Hohes Patientenaufkommen an der Anmeldung
(teilweise haben wir bis zu knapp 300 Patienten in den Tagesprotokollen am Abend, für die irgendein Vorgang bearbeitet werden musste).
b. Zeitdruck für die Mitarbeiterinnen an der Anmeldung
c. Unmöglichkeit der Kontrolle von Wiederholungsrezepten unter solchen Arbeitsbedingungen für die Ärzte
d. Drängeln der Patienten auf eine schnelle Bearbeitung ihrer Wünsche
e. Neueinstieg in die HzV - der bisherige Vorgang für ein Wiederholungsrezept war in den Praxisabläufen klar definiert und funktioniert seit Jahren reibungslos. Für die ?normalen? (nicht HzV-eingeschriebenen) Patienten auch noch immer ohne die lästige Auswahlliste.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
a. Umgehende Beratung mit dem gesamten Team zu den Konsequenzen des CIRS-Falles:
b. CIRS-Meldung im Rahmen Fehlermanagements.
c. Meldung dieses Vorkommnisses bei dem zuständigen Softwarehouse zur Klärung, ob hier ein Programmierfehlers oder eine Vorgabe durch die Krankenkassen/HAEVG vorliegt. Dann ggf. Information der anordnenden Stelle.
d. Striktes Verbot des Austauschs eines Medikamentes aus der angebotenen Auswahlliste durch ein/e nicht-ärztliche Mitarbeiter/in oder einen Studenten der Praxis.
Erhöhung der Aufmerksamkeit bei Verordnungen durch alle Mitarbeiter/innen ? das lästige Feld nicht einfach wegklicken!

Telefonische Stellungnahme des HAEVG:
Bei der Auswahlbox handelt es sich um die Umsetzung der Vorgabe der jeweiligen Krankenkassen (in diesem konkreten Fall der LKK). Die Verordnung von preiswerteren Präparaten sei Bestandteil der HzV-Verträge und müsse eingehalten werden.
Zudem liege der Fehler ja ganz klar bei der verordnenden Ärztin, da sie das Rezept ohne nochmalige Kontrolle des aktuellen Medikationsplanes unterschrieben habe und somit in der Haftung sei.

Schlusskommentar:
Die letzte Aussage ist juristisch sicher korrekt, aber fernab aller Realität in größeren hausärztlichen Praxen und sicher nicht im Sinne einer Entlastung oder Entbürokratisierung der am Limit arbeitenden Hausärzte.
Ein Austausch innerhalb generischer Arzneimittelgruppen ist sicher sinnvoll und Ressourcen einsparend, aber arzneimittelgruppenübergreifender Austausch von Präparaten sollte nach meiner Einschätzung dringend und umgehend unterbunden werden.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
-keine Daten-
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
-keine Daten-

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Haben Sie ähnliche Erfahrungen (bei HzV Pat.?) gemacht, wenn ja, wie konnten Sie diese Probleme lösen?



Kommentare

Hilfe
22.08.2018
20:41:13
3005
Dieses Problem kenne ich (in Baden-Württemberg) schon lange - nahezu seit es die HzV-Verträge gibt.

Nun ja - wo Licht ist, da ist immer auch Schatten. Die EDV schlägt ja "nur" vor. Und dieser Vorschlag war von uns HzV-Ärzten auch explizit gewünscht. Kein Arzt wird genötigt, an diesen deutlich besser honorierten Verträgen teilzunehmen. Aber für mich lohnt sich das durchaus ! Und darüber hinaus bin ich der Meinung, dass die Medikamentenauswahl in der BRD eigentlich viel zu unübersichtlich ist. Wer blickt denn da überhaupt noch durch ? Niemand !

Wir behandeln dieses Problem in unserer Praxis wie folgt:
- Bestellt der Patient ein Medikament nach, dann bekommt er immer das zuletzt verordnete.
- Einen Austausch nimmt NUR der ARZT vor.
- Wird ein Austausch vom Programm vorgeschlagen, so haben wir überall in der Praxis Haftnotiz-Zettel parat leigen, die auf ein Rezept aufgeklebt und entsprechen gekennzeichnet werden.
- Das "bestellte Rezept" kann der Patient erst am Folgetag abholen. (Wieso "muss" er das am selben Tag haben ??? Milch kaufe ich doch auch nicht erst dann, wenn der Kühlschrank ganz leer ist !) So habe ich als Arzt die Zeit, mir spanisch erscheinende Rezepte am PC nachzusehen.
- Die Helferin bereitet nur solche Rezepte zur Unterschrift vor, die dem Patienten bereits mindestens 2 x verordnet wurden. Keine Antibiotika !
- Ich selbst achte darauf, dass bei einer Erstverordnung möglichst immer ein "grünes oder blaues" Medikament gewählt wird. so wird nach und nach auf die rabattierten Medikamente umgestellt.
- Bei den Mitgliedern der AOK Baden-Württemberg (und nur bei diesen) ist es viel einfacher, die Patienten zu einer Umstellung zu motivieren, da bei diesen die Zuzahlung in der Apotheke entfällt.
- Ich als Arzt habe die Verordnungshoheit und muss mit meinen Mitarbeitern dafür Sorge tragen, dass kein Schaden entsteht. Entsprechend muss ich die Vorgehensweise bei Wiederholungsverordnungen festlegen. Auch wenn der Patient einmal "ganz dringend" sein (vorgestern zu bestellen vergessenes Medikament) einmal nicht sofort ausgehändigt bekommt.
- Eine Zeit lang bekamen meine Patienten Notizzettel ausgehändigt mit dem Wortlaut "Lieber Patient, zur Prüfung Ihre gewünschten Medikamente benötigen wir in der Praxis etwas Zeit. Das dauert in der Regel 1/2 Tag, am Montag etwas länger. Bitte bestellen Sie Ihre Medikamente nach Möglichkeit online und wenigstens 1 Woche bevor sie zu Ende sind. Auch die Apotheke muss manche Medikamente erst bestellen. Das nützt auch Ihnen durch erhöhte Sorgfalt beim Erstellen Ihrer Rezepte ! Danke für Ihre Rücksichtnahme !"

Deshalb bin ich auch nicht der Meinung von Herrn / Frau Weise aus Dortmund, dass nachgebessert werden muss. Die Nachbesserung hat in der Praxis zu erfolgen !! Jede(r) Arzt(in) kann individuell entscheiden, ob er8sie den rabattierten Vorschlag annehmen oder ein anderes Medikament nehmen möchte. Und ja, ER/SIE muss sich entscheiden. Oder auf die Teilnahme am HzV-Vertrag verzichten.
07.08.2018
10:49:46
Anton
Optimierung der technischen Ausstattung (u.a. leise und schnelle Drucker), sodass Rezepte stets unmittelbar im Sprechzimmer gedruckt werden können.
03.08.2018
10:01:42
Apothekerin
In einer Stammapotheke hätte der Mitarbeiter auch auf die Medikamentenänderung hinweisen müssen. Ich hätte es getan.
12.07.2018
10:42:39
Weise/ Dortm-
und
Mir ist dieses Problem bei der Verordnung von Januvia ebenfalls aufgefallen. Bei uns ist es jedoch zu einer uns bekannten Schädigung eines Patienten gekommen. Durch die Meldung alamiert, haben wir das Problem im Team intensiv diskutiert und klar gestellt, daß, vom Softwarsystem vorgeschlagene Medikamentensubstitutionen ausschließlich von den Ärzten der Praxis veranlaßt werden dürfen.
Grundsätzlich ist das aber ein Hohn, dass die Krankenkassen uns unablässig zu höheren "Schein"Qualitätsstandards treiben wollen und uns gleichzeitig ein solches Ei ins Nest legen.
Hier muss im Rahmen der HZV Verträge schnellst möglich nachgebessert werden.
Es ist eben doch nicht alles Gold was glänzt.

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