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"Diagnostellung drei Jahre verzögert"

Reportnummer:
958
Dieser eindrückliche Bericht erreichte uns aus einer Hausarztpraxis.
Was ist passiert?
Ich hatte eine 50-jährige Patientin mit Fieber unklarer Genese nach nicht zu einer Diagnose führenden hausärztlichen Untersuchungen u.a. zum Ausschluß einer Tumorerkrankung an einen Onkologen überwiesen. Ein Ganzkörper-CT wurde veranlasst. Der Befund ging nachrichtlich an mich. In der zusammenfassenden Beurteilung wurde vor allem auf eine unklare Leberläsion und ein Lipom im Bauchraum eingegangen. Im Text zum Befund des Halses stand eine kurze Bemerkung zu einer knotigen Struma links mit hypodenser Läsion sowie vergrößerte submandibuläre Lymphknoten beidseits. Das war mir zunächst nicht weiter aufgefallen und im weiteren Verlaufe nicht mehr präsent.
Die Ursache des Fiebers wurde nie gefunden und die Fieberschübe ließen irgendwann von selbst nach. Die ganze Geschichte geriet in Vergessenheit.
Drei Jahre später wurde ein seltener, maligner Schilddrüsentumor diagnostiziert, der nicht mehr kurativ behandelt werden kann.
Was war das Ergebnis?
Ich habe die Chance verpasst eine vielleicht noch kurativ zu behandelnde Erkrankung rechtzeitig zu diagnostizieren und mache mir das natürlich zum Vorwurf. Auch in den Befunden der fachärztlichen Kollegen fehlt es nicht an Häme: "...suspekter Schilddrüsenbefund, dem nicht weiter nachgegangen wurde." Wäre mir der Schilddrüsenbefund präsent gewesen (eine Struma war bisher nicht diagnostiziert worden) hätte ich zumindest eine Sonographie zur Kontrolle durchgeführt. Die relativ junge Patientin ist nun in einer palliativen Situation.
Mögliche Gründe, die zu dem Ereignis geführt haben können?
Ich habe versäumt dem Befund nachzugehen. Eine einfache Sonographie der Schilddrüse hätte vielleicht gereicht, den Tumor rechtzeitig zu diagnostizieren. Täglich laufen viele z.T. sehr ausführliche Befundberichte über meinen Tisch. Ich bemühe mich, wichtige Hinweise und sich ergebende weitere Kontrollen/Diagnostik als Erinnerung seperat und hervorgehoben in die EDV zu schreiben damit sie nicht im Archiv untergehen - trotzdem ging mir dieser Hinweis durch: weil mir oft nicht die Zeit bleibt alle Befunde und Berichte konzentriert zu lesen, der entsprechende Hinweis irgendwo im Text und nicht in der Zusammenfassung stand und weil ich - ist der Befund einmal abgeheftet - oft nur noch die Zusammenfassung eines Befundes und Berichtes zur Erinnerung lese. Zu mehr ist manchmal nicht die Zeit.
Welche Maßnahmen wurden aufgrund dieses Ereignisses getroffen oder planen Sie zu ergreifen?
Trotz meinem Bemühen, wichtige Essenzen und Konsequenzen von Berichten und Befunden noch einmal hervorgehoben in der EDV zusammenzufassen (ggf. auch als recall zu einem bestimmen Datum) ist mir dieser Fehler passiert. Ich nehme mir vor Berichte noch genauer zu lesen und weiss doch, daß dazu oft weder die Zeit, Ruhe oder Konzentration vorhanden ist, wenn in der Mittagspause und/oder abends nach einem langen Arbeitstag die volle Befundmappe auf meinem Schreibtisch liegt.
Welche Faktoren trugen Ihrer Meinung nach zu dem Fehler bei?
Organisation, null,
Wie häufig tritt dieser Fehler ungefähr auf?
erstmalig

Zusätzliche Informationen



Kommentar des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin

Glücklicherweise laufen die meisten kritischen Ereignisse und Fehler in der Hausarztpraxis glimpflich ab - Patientenschäden sind eher die Ausnahme als die Regel. In diesem Fall hat das Ereignis die Patientin doch erreicht: drei Jahre verspätet wurde die richtige Diagnose gestellt, mit nun palliativer Situation.
Der oder die Berichtende macht sich offensichtlich Vorwürfe, den verdächtigen Befund nicht ausreichend wahrgenommen zu haben.
Unabhängig davon, was vielleicht die Rolle der onkologischen Praxis in dem Prozess hätte sein können - eine palliative Situation bei einem jungen Patienten ist bestürzend, auch für den oder die Behandelnden.
Wie gehen Sie mit solchen Situationen um?



Kommentare

Hilfe
05.03.2020
20:02:53
3005
Ich zitiere:

"... u.a. zum Ausschluß einer Tumorerkrankung an einen Onkologen überwiesen. Ein Ganzkörper-CT wurde veranlasst. Der Befund ging nachrichtlich an mich ..."

Ja, der CT-Befund wurde vom Hausarzt nicht in allen Deteils wahrgenommen. Weshalb auch immer.
Ja, der Onkologe (!!) wurde eingeschaltet, er hat den Befund scheinbar ebenfalls "abgelegt" und nie mit der Patientin besrpochen ?

Hm - im Falle einer Klage haben ganz sicher beide schlechte Karten. Nach meiner Erfahrung mit zwei (zum Glück weniger tragischen) ähnlich gelagerten Fällen.

Meine Vorgehensweise ist ähnlich der wie vom Kollegen geschildert. Und auch ich verfolge die mir suspekt erscheinenden Befunde aktiv. Leider ist auch das manchmal nicht sicher genug.

Eine Abhilfe kenne ich keine.
20.02.2020
19:22:36
ELu
Auch ich bin hausärztlich tätig. Der geschilderte Fall stellt ein tragisches Einzelschicksal dar, vor dessen vergleichbarem Eintreten es mir graut.
Der Kollege schildert unser tägliches Dilemma, aus der Masse der Befunde alle wichtigen Details zu erfassen. Es ist nicht zu vermeiden, dass einem manchmal ein wichtiger Baustein entgeht. Zumal ich bei o.g. Schilderung als erstes feststellen muss: SD-Knoten sind ein sehr häufiger Nebenbefund. Wies der Knoten damals schon eindeutig maligne Kennzeichen auf? Wenn ja hätte der untersuchende Radiologe sicher klar in der Befundbesprechung darauf hingewiesen. Und vergrößerte LK: ist da nicht auch ein viraler Infekt als Ursache sehr wahrscheinlich? Zumal das unklare Fieber dann ja auch wieder verschwand. Es gab also keinen Grund, das Symptom weiter zu verfolgen.
Auch in sehr viel weniger dramatischen Fällen ist man rückblickend schlauer, will sagen, man würde manches anders machen/gewichten/..., wenn man sich nochmals in der Ausgangsposition befände, oder?
Um auf die obige Frage einzugehen: in dem geschilderten Fall fände ich eine weitere hausärztliche Betreuung extrem schwierig, das schlechte Gewissen wäre immer an meiner Seite. Aber wenn die Patientin trotz der Vorgeschichte weiter die hausärztliche Betreuung durch mich wünschen würde, würde ich sie natürlich auch auf ihrem weiteren Weg begleiten und es ginge mir sicher oft nicht gut dabei.

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